Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Priester und Psychotherapeut Dr. Jörg Müller über die Chancen, die die Ordnung bietet

Die Seele in Unordnung

P. Dr. Jörg Müller SAC wurde 1943 geboren. Er ist Diplomtheologe, seit 1973 Psychotherapeut und seit 1994 Priester. Er hat ein Studium der Theologie und Philosophie in Trier und Innsbruck und eins der Psychologie und Psychopathologie in Salzburg absolviert. Der Pallottinerpater ist in Freising zu Hause.

Ordnung und Disziplin lohnen sich, schreibt der Pallottinerpater und Psychotherapeut Dr. Jörg Müller in seinem Gastbeitrag. Denn sie vermeiden Stress und eröffnen Lebensqualität. Müller stellt aber auch die Frage, worin die Unordnung, die das Leben vieler Menschen beherrscht, begründet liegt.
E s ist erstaunlich, wie viele Menschen in ihren Wohnungen und im Terminkalender Chaos pflegen. Unfähig zur Pünktlichkeit und ausgeliefert ihrer häuslichen Unordnung, die sich manchmal im Kleiderschrank versteckt, geben sie einen Einblick in ihre seelische Verfassung.
Die ist meist ebenso durcheinander geraten wie ihr Wohnzimmer oder ihr Bett. Von dem Sammelsurium in der Garage, am Dachboden und im Keller ganz zu schweigen. Da wird gesammelt, was das Zeug hergibt; das ganze Seelengehäuse schnappt nach Luft …
„Ich kam noch nicht zum Aufräumen“, meinte Frau K., die schon seit Jahren einen Teil ihrer Wohnungseinrichtung noch in Kisten verpackt hat. „Sie müssen entschuldigen, Herr Pater, aber Sie wissen ja, wie das so ist, wenn man Kinder hat und einen Mann, der meterhoch Sportmagazine hortet.“ Jaja, ich weiß es. Vom bequemen Vorsichhinschieben über die Gewöhnung an eine Standardunordnung bis hin zum Messie sind es manchmal nur einige Jahre.
„Sage mir, wie es in deinem Auto aussieht, und ich sage dir, wie es bei dir zu Hause ist.“ Wenn ich die verstreute Zigarettenasche am Boden sehe, leere Coladosen und Tankquittungen auf dem Rücksitz entdecke und Bierflecken auf dem Bezug, lässt sich erahnen, wie es um die Ordnungsliebe aussieht.
Wer als Kind in einer chaotischen Atmosphäre aufwuchs, wird diese auch im weiteren Leben lange Zeit oder für immer beibehalten. Denn für manche bedeutet dieses Chaos Geborgenheit, sofern die Kindheit schön war. Er ist also auf Chaos konditioniert. Wer es furchtbar fand, wird sich zur Ordnung erziehen, was nicht immer gelingt; denn vielfach fehlt einfach die Disziplin.
Wer stets unter Strafandrohung zur Ordnung und Pünktlichkeit erzogen wurde, wird sich vielleicht später zum unbewussten Protest dagegen aufbäumen und unpünktlich sein und jede Erwartung an die gewünschte Anpassung sabotieren. Er steckt immer noch im pubertären Streik.
Andere sind von depressiver Art und vermögen nicht die Kraft aufzubringen, die erforderlich ist, aufzuräumen, wegzuräumen, die Zeit zu gestalten. Es ist ihnen alles zuviel.
Mein Tag ist strukturiert, vom Rhythmus geprägt. Das habe ich teilweise als Kind schon gelernt. Sämtliche Post und alle Mails sind bis Mittag vom Tisch. Beiträge für Zeitschriften werden so schnell wie möglich erledigt (auch dieser Beitrag ist entstanden eine Stunde nach der erhaltenen Mail). Mein Schreibtisch ist leer. Das Zimmer lebt von den nicht vorhandenen Möbeln nach dem Motto: Weniger ist mehr. Das gibt Klarheit, Raum und lässt atmen.
Natürlich muss ich mich auch schon mal zwingen, Dinge zu tun, die Disziplin verlangen, beispielsweise in meinen Fitnessraum zu gehen und dort dreimal wöchentlich zu schwitzen. Oder jedes Jahr die angesammelten Papiere, Bücher und den Nippes zu entsorgen. Sofort aufräumen, heißt die Devise, nicht aufschieben; denn der Stress entsteht nicht durch ein Zuviel an Arbeit, sondern eher durch ein Zuviel an aufgeschobener Arbeit.
Ich rede nicht von zwanghaftem Perfektionismus. Der ist neurotischer Natur und befreit nicht wirklich. Wer sich dazu durchringt, seine Zimmer aufzuräumen, Dinge sofort wieder an ihren Platz zu stellen, erfährt eine neue Lebensqualität: Er wird zufriedener, ruhiger. Er hat aufgeräumt und ist aufgeräumt. Seine Freunde und Gäste spüren eine atmos­phärische Klarheit.
Weil ich anstehende Arbeiten sofort erledige und gebrauchte Dinge sofort zurückstelle, habe ich an Zeit gewonnen: Fast zwei Stunden täglich sind verfügbar für andere Arbeiten. Ich erlaube mir, ins Café zu gehen, viel zu lesen, zu entspannen. Ohne Gewissensbisse. Ich muss allerdings zugestehen, dass ich sehr schnell arbeite und auch dadurch Zeit gewinne.
Sobald aber Aufgaben hinausgeschoben werden, Post liegen bleibt, wird es eng und  stressig. Sie haben es selber in der Hand: Fangen Sie heute noch an, Disziplin zu üben. Es lohnt sich. P. Dr. Jörg Müller SAC


24.05.2012
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