Aktuelle Ausgabe
2012-20

Warum der Glaube vom Vertrauen lebt und Vertrauen im Glauben mündet

„Gerade da, wo etwas beginnt, ist Vertrauen wichtig“

Dr. Robert Vorholt wurde 1970 in Müns­ter geboren. Er absolvierte ein Studium der katholischen Theologie in Münster, Paris und Bochum und empfing 1999 die Priesterweihe. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Neues Testament der katholisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und ist Seelsorger in Hausdülmen.

Glaube lebt vom Vertrauen und er zielt auf Vertrauen. Dr. Robert Vorholt von der Ruhr-Universität in Bochum zeigt in seinem Gastbeitrag für diese DOM-Ausgabe auf, wie wichtig gerade in den Anfängen des Christentums „ein intensiver Vertrauensglaube“ war. Denn, so Vorholt, „Vertrauen ist der Anfang von allem“.

von Dr. Robert Vorholt

„Vertrauen ist der Anfang von allem.“ Dass es ausgerechnet eine Bank war, die diesen Satz vor einiger Zeit als Werbeslogan auf ihre Fahnen schrieb, mag im Jahr Eins nach der Finanzkrise gemischte Gefühle auslösen. Dennoch: Vertrauen ist wichtig – gerade dort, wo etwas beginnt.
Die Tage des Advent lenken den Blick zurück auf die Anfänge des Glaubens. Sie lassen aber auch nach der Zukunft fragen. Beides, der Blick zurück und der Blick nach vorn, nimmt Gott und die Menschen in den Blick: Den Bund, den Gott eingegangen ist, die Geschichte, die er mit seinem Volk macht. Am Anfang der Geschichte steht die liebende Initiative Gottes. Aber Gottes Liebe sehnt sich, wie jede Liebe, nach Antwort. Darum gehört der Glaube derer, die sich von Gott haben anrühren lassen, zu diesem Beginnen dazu.
Das Lukasevangelium erzählt von solch einem großen Anfang: „Der Engel Gabriel“, heißt es, „wurde von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die Nazareth heißt, zu einer Jungfrau. Ihr Name war Maria“ (vgl. Lk 1,26f.). Lukas wählt seine Worte mit Bedacht, nichts überlässt er dem Zufall. Es soll deutlich sein: Hier steht niemand anderer als Gott selbst am Werk, aus eigenem Anstoß, aus liebevoller Zuwendung (vgl. Jes 7,14). Der zentrale Satz der Engels-Botschaft an Maria lautet darum: „Der Herr ist mit dir!“ (Lk 1,28). Ein Zuspruch, der alttestamentliche Vorbilder hat (vgl. Ri 6,12; Ruth 2,4, 2 Chr 15,2). Immer geht es um den Heiligen Israels, der den Menschen nicht fern steht, sondern nahe, weil er geschichtsmächtig ist. Jetzt kommt dieser unermesslich liebende Gott auf Maria zu, der er eine einzigartige Rolle in seiner Geschichte mit den Menschen zugedacht hat (vgl. Lk 1,30ff.).
Maria reagiert zunächst überrascht. Anders als Zacharias, den in ähnlicher Situation Angst und Schrecken befielen (Lk 1,12), ist sie perplex – nicht so sehr angesichts der kaum alltäglichen Erscheinung eines Engels, sondern wegen dieses Auftrags, der von Gott her an ihr Ohr drang. Maria fragt nach Sinn. Doch schon in der Sinnsuche zeigt sich, wie ihr Vertrauen wächst. Nachdem der Bote Gottes Willen konkretisiert, sagt sie „Ja“.  Der Satz, mit dem sie ihr Einverständnis erklärt, beginnt mit ihrer Selbstbezeichnung als „Magd des Herrn“ (im griechischen Original sogar noch etwas dras­tischer als seine „Sklavin“; Lk 1,38). Im Hintergrund dieser Bezeichnung steht vielleicht Hanna, die Mutter Samuels, des Wegbereiters Israels (1 Sam 1,11). Maria steht damit in einer großen Reihe Gott vertrauender Menschen. Sie ist verfügbar und sagt Ja. Ihr Glaube ist Ausdruck großen Vertrauens.
Der Religionsphilosoph Martin Buber beschreibt in seiner 1950 erschienenen Schrift „Zwei Glaubensweisen“ unterschiedliche Arten zu glauben. Er unterscheidet einen „Du-Glauben“ vom „Dass-Glauben“. Der „Du-Glaube“ erkennt in  Gott eine dem Menschen zugewandte Person, die Vertrauen ermöglicht. Der „Dass-Glaube“ charakterisiere hingegen ein bloßes Fürwahrhalten von Glaubenssätzen. Bubers Unterscheidung wirft sicher auch Fragen auf. Dennoch zeigt die berühmte Begegnungsszene am Beginn des Lukasevangeliums, wie sehr der Glaube vom Vertrauen lebt, wie umgekehrt das Vertrauen im Glauben mündet.
Damit stellt Lukas allen nachfolgenden Glaubensgeschichten ein großes Prae­ludium voran. In seinem Evangelium begegnen uns immer wieder Berichte, die den Glauben der Menschen zum Thema machen. Jede dieser Erzählungen hebt auf ihre Weise unterschiedliche Aspekte eines intensiven Vertrauensglaubens hervor: Dass er Menschen wieder heil und gesund werden lässt (vgl. Lk 5,12-26; 7,1-10; 8,40-48; 18,35-43), dass er tiefe Freude eröffnet, Vergebung ermöglicht und Neuanfänge schafft (vgl. Lk 5,1-10; 7,36-50; 19,1-10), dass er den Mut schenkt, die Wahrheit zu sehen und Jesus zu folgen (Lk 5,27ff.; 10,1ff.; 12,8), ja, dass er schließlich hineinführt in die Weite jener neuen Wirklichkeit, die Gott eröffnet, und die wir Menschen mitunter etwas hilflos „Himmel“ nennen (vgl. Lk 23,39-43).
Der Glaube zielt auf Vertrauen – und zwar Gott gegenüber, der sicher, fest und unerschütterlich ist, indem er sich selbst und seinen Verheißungen treu bleibt (Dtn 7,9; Jes 49,7; Ps 31,6; 146,6). So bleibt also wahr: „Vertrauen ist der Anfang von allem“.


24.05.2012
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