Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Stets Verbindung halten

Maria Beineke-Koch, Religionspädagogin, Rötkersiek 28, 32760 Detmold

Verbindung mit ihm zu halten, so fordert Jesus seine Jünger im Evangelium des fünften Sonntags der Osterzeit auf. Stets Verbindung halten gehört wesentlich zu einem christlichen Leben, meint auch die Religionspädagogin Maria Beineke-Koch.

von Maria Beineke-Koch

„Please, hold the line … Ihre Verbindung wird gehalten“; diese Worte sind mir vertraut von so manchen Warteschleifen bei Telefonanrufen. Wenn ich sie höre, bin ich versucht, den Telefonhörer entnervt aufzulegen. Das Warten auf den Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung kann lang werden und manchmal kommt gar keine Verbindung zustande. Im Evangelium vom fünften Sonntag in der Osterzeit, einem Abschnitt aus den Abschiedsreden Jesu des Evangelisten Johannes, werden wir auch aufgefordert, eine Verbindung aufrechtzuerhalten. „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.“ Jesus ermutigt seine Freunde und auch uns über die Erfahrung von Trennung durch Tod und Auferstehung hinaus die Verbindung mit ihm nicht aufzugeben und er verspricht uns seine dauerhafte Nähe. Doch auch das „Bleiben“ in der Beziehung mit Jesus kann schwierig werden und Mühe bereiten.
Die Aufgaben in Beruf und Familie, die Pflege von Kontakten zu Freunden und Verwandten, vielfältige Interessen, all das fordert mich und füllt meine Zeit so sehr aus, dass mir keine Zeit bleibt, die Beziehung zu Jesus zu pflegen, ihr in meinen Leben einen besonderen Platz einzuräumen. Ich verliere sie aus dem Blick. Möglicherweise erlebe ich Gott in so manchen Lebenssituationen als schweigendes Gegenüber und warte vergeblich auf Antworten oder Zeichen seiner Nähe. Oder die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft der katholischen Kirche bereitet mir Mühe, weil ich mich an Rahmenbedingungen stoße oder tradierte Glaubensaussagen mir fragwürdig werden.
„Please, hold the line …“, „Bleiben“, auch wenn es Mühe macht, Festhalten an der inneren Verbindung, gerade dann, wenn es schwierig wird, nicht aufgeben, auf Gott zu vertrauen, auch wenn Fragen bleiben, dazu fordert Jesus uns auf. Und er spricht eine Verheißung aus: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ 
Die Verbindung halten, damit mein eigenes Leben fruchtbar wird für mich selbst und die Menschen in meinem Umkreis; die Verbindung halten, damit mein Leben gelingt und mein Handeln Sinn macht, das scheint mir tatsächlich lohnend. Aus einer engen Verbundenheit mit Jesus heraus kann ich wahrnehmen, was wesentlich für mein Leben ist. Ich kann gelassener meine Aufgaben angehen. Ich kann darauf vertrauen, dass Gottes Kraft in mir wirkt.
Um dieses enge Zusammenwirken zu beschreiben, greift der Evangelist Johannes das Bild vom Weinstock und seinen Früchten auf. Die Frucht des Weinstocks: die Reben, aus denen der Wein gewonnen wird. Der Wein ist ein köstliches Getränk, ein gutes Glas Rotwein ist für mich Zeichen von Lebensfreude und Genuss. Hier steht das Bild für eine Beziehung, die Verbundenheit zwischen Jesus, dem Weinstock und den Menschen, die an ihn glauben, den Reben. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige.“ Wie verheißungsvoll, wenn aus der Verbindung zwischen mir und Jesus auch so etwas köstliches wie ein guter Wein erwächst, wenn, das, was ich tue, mein eigenes Leben und das der Menschen um mich reicher und „schmackhafter“ macht. Dann hat sich die Mühe gelohnt! Dann kann ich jeden Tag beginnen mit dem Gebet von Brigitte Enzner-Probst:
„Bevor ich meine Arbeit beginne / wendet sich mein Herz dir zu / Für einen Augenblick verweile ich / schaue dich an mit den Augen meines Herzens und lasse mich anschauen / Verweile / Da bin ich / Da ist Lieben und Geliebtwerden / Da ist tiefe Verbundenheit / Da ist Freude
Diesen Tag will ich mit Dir leben im Segen.“


24.05.2012
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