Aktuelle Ausgabe
2012-20

Minister Armin Laschet zu den Chancen und Herausforderungen des demografischen Wandels

„Starke Familien fördern den Zusammenhalt der Gesellschaft“

Armin Laschet wurde 1961 in Aachen geboren. Nach einem Jura-Studium war er zunächst als Journalist tätig. Der CDU-Politiker war Mitglied des Bundestages und Europäische Parlamentes und ist seit 2005 Minister für Generationen, Familien, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.

Deutschland wird alt. Die Zahl der Geburten geht zurück. Dieser als „demografischer Wandel“ bezeichnete Vorgang stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Armin Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration, beschreibt in seinem Gastbeitrag, wie die Politik auf diese Herausforderungen reagiert.

von Armin Laschet

In seinem Pastoralschreiben vom 14. September 2009 zur Zukunft der Seelsorge in Zeiten schrumpfender Gemeinden formulierte Erzbischof Hans-Josef Becker bemerkenswerte Sätze. „Verzicht“, so der Bischof, „ist schmerzlich, gerade wenn er alte Gewohnheiten und langjährige Selbstverständlichkeiten betrifft. Ich bitte Sie als Gläubige um gläubigen Realitätssinn. Veränderungen werden zu Chancen, wenn wir sie annehmen und gestalten. Deshalb sind neue, kreative Ideen erforderlich.“ Bemerkenswert sind diese Sätze deshalb, weil Erzbischof Becker wichtige Erkenntnisse auf den Punkt bringt, die nicht nur für die Pastoral in Paderborn gelten, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt. Diese Erkenntnisse lauten: Veränderungen sind mitunter schmerzlich. Wenn wir sie aber annehmen und gestalten, eröffnen sich auch neue Chancen.
Wir wissen es nicht erst seit gestern: Deutschland altert in raschem Tempo. Seit 1972 bereits sterben mehr Menschen als Kinder geboren werden. Im vergangenen Jahr gab es rund 682 000 Geburten. Zum Vergleich: 1964, auf dem Höhepunkt des so genannten Babybooms, kamen mit fast 1,36 Millionen Neugeborenen doppelt so viele Kinder auf die Welt. Inzwischen leben in unserem Land mehr Menschen über 65 als unter 20 Jahre. Sind wir zurzeit noch 82,2 Millionen Menschen in Deutschland, werden es 2025 nur noch 79,1 Millionen sein.
Viele, die den demografischen Wandel bislang nicht wahrgenommen oder verdrängt haben, sind durch diese Zahlen wachgerüttelt worden. Breiter und intensiver als früher diskutieren wir jetzt über die Veränderungsprozesse. Einen Königsweg gibt es zwar nicht, eines aber steht fest: Um mehr jungen Menschen das Ja zum Kind zu erleichtern, ist es notwendig, die Bedingungen für ein gelingendes Aufwachsen aller Kinder in unserem Land, egal welcher Herkunft, zu verbessern. Um einen Eindruck zu bekommen, wie das gelingen kann, lohnt sich ein Blick nach Paderborn. Stadt und Umland gehören zu den Regionen mit den meisten Kindern in Nordrhein-Westfalen. Mit durschnittlich 1,42 Kindern pro Frau zwischen 15 und 45 Jahren ist die Geburtenrate höher als der Landesdurchschnitt. Das Durchschnittsalter im Kreis Paderborn liegt bei 40 Jahren, nur der Kreis Borken hat ein noch geringeres Durchschnittsalter (39,9). Und gegen den landesweiten Trend wird die Einwohnerzahl im Kreis in den kommenden Jahren zunehmen, von derzeit rund 299 000 auf 304 000 im Jahr 2030.
Darauf kann Paderborn durchaus stolz sein. Ein Grund für den Erfolg: Familienfreundlichkeit. Sie wird im Paderborner Land großgeschrieben, einem florierenden Wirtschaftsstandort, an dem zugleich auch Tradition und Brauchtum gepflegt werden. Vielleicht ist es ja gerade diese Mischung, die den Standort für Familien so attraktiv macht. Überdies gibt es vielerorts lokale Bündnisse für Familien, die Ausstattung mit Betreuungsplätzen verbessert sich stetig, die Universität zieht gut ausgebildete Menschen an, und auch die Wirtschaft unternimmt einiges, um junge Kräfte am Standort zu halten. Kurz: Die Region tut einiges für Familien.
Und wo die Familien intakt sind, wird auch das Miteinander der Generationen gelebt, eine zentrale Voraussetzung für den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt. Auch die Landesregierung ist überzeugt: Wer den Zusammenhalt in den Familien stärkt, leistet einen ganz wichtigen Beitrag zur Gestaltung des demografischen Wandels. Selbstverständlich ist das gute Miteinander der Generationen nämlich beileibe nicht mehr. Ein wachsender Teil der Älteren hat keine Kinder und Enkel mehr. Und oft leben Jung und Alt weit auseinander. Weniger Begegnungen bis hin zur Entfremdung können die Folgen sein.
Wir wollen mit unserer Generationenpolitik gegensteuern. So unterstützten wir viele Projekte und Initiativen in Trägerschaft von Verbänden, Kommunen, Unternehmen und Vereinen. Sie alle verfolgen das Ziel, das Miteinander der Generationen auch außerhalb der Familie zu fördern, etwa in Form von Paten- und Mentorenprojekten zwischen Jüngeren und Älteren, kulturellen Projekten oder Nachhilfeangeboten von Älteren für Jüngere. Wir wollen, dass solche Projekte bekannter werden und Schule machen.
Mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit bedeutet ganz zentral aber auch, die Bildungschancen unserer Kinder zu verbessern. Am bes­ten schon im Kindergarten. Deshalb bauen wir bei uns in Nordrhein-Westfalen frühkindliche Betreuung und Bildung aus. Unsere Kinder brauchen bestmögliche Startchancen. Wir wollen unser Land zu einem Land neuer Chancen machen, einem Land, in dem alle von Anfang an den Aufstieg schaffen können.


24.05.2012
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