Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Spenden auch würdigen

Dr. Annegret Meyer ist Theologin und arbeitet in der Ausbildung der Religionslehrer, derzeit ist sie in Elternzeit.

von Dr. Annegret Meyer

Jesus hält sich zu Beginn des heutigen Evangeliums im Jerusalemer Tempel auf. Doch er betet nicht, er bringt kein Opfer dar, vielmehr sitzt er etwas abseits und beobachtet die Leute, wie sie ihre freiwilligen Spenden in Opferkästen werfen. Wenn heutige Kirchgänger Ähnliches täten, gerieten sie in den Verdacht, nur an Äußerlichkeiten des religiösen Tuns interessiert zu sein.
Jesus aber geht es bei seinem beiläufigen Zuschauen eben gerade nicht um Äußerlichkeiten. Für ihn gehören Innen und Außen des Menschen, sein Herz und sein Tun, untrennbar zusammen. Er unterstützt mitnichten die gängigen Kategorien, mit denen heute auch Fundraiser und Wohlfahrtsorganisationen arbeiten. Sie unterscheiden „Großspender“, die sorgfältig zu pflegen und zu hofieren sind, und die breite Masse der Einzelspender, die in der Bilanz des Spendenwesens anonym zusammengefasst werden und oft nicht weiter ins Gewicht fallen. Automatisch wird in damaligen wie heutigen Zeiten rein numerisch gerechnet: Die große Spende ist ja buchstäblich „mehr Wert“ als eine kleine Kleckersumme.
Wohlgemerkt: Jesus kritisiert im Evangelium  die Reichen mit ihren großen Spenden nicht. Bibellesern klingt vielleicht sein Wort „Macht euch Freunde mit dem trügerischen Mammon“ aus dem Lukasevangelium (Lk 16,9) im Ohr. Aber Jesus setzt die Großspender auf andere Art ins Verhältnis: Er vergleicht nicht die absoluten Zahlen und ordnet von oben nach unten, sondern er schaut jeden Menschen einzeln an und ordnet nach persönlicher Größe. So kommt es, dass die Witwe, die am wenigsten in den Opferkasten wirft, am meisten gibt, eben weil sie das geringste „Startkapital“ hatte.
Mit ihrer Spende tritt die Frau heraus aus dem Kreislauf der Wohltätigkeit, der, so wird ja oft kritisiert, die Armen zu bloß passiven Empfängern von milden Gaben macht. So wichtig es ist für die Mittellosen in der Gesellschaft, finanziell und materiell unterstützt zu werden, so sehr kann es ihre eigenen Kräfte auch lähmen.
„Wir lernen, Hartz IV-Anträge auszufüllen.“ Mit dieser Perspektive beendet so mancher Hauptschüler seine Schullaufbahn. Die Witwe des heutigen Evangeliums zeigt, dass Engagement für sich und andere auch mit den kleinsten Mitteln möglich ist. Und die Reaktion Jesu zeigt, dass es genau darauf ankommt. Vor Gott zählt es, die eigene Person aktiv ins Spiel zu bringen.
Eine Gesellschaft und eine Gemeinde!  kann sich spürbar verändern, wenn Menschen sich nicht beirren lassen von angeblich kleiner werdenden Chancen und Möglichkeiten, von weniger Geld in den Kassen oder Nachwuchssorgen. Wenn sie sich engagieren trotz Krise und Schwierigkeiten.
Dann wird es dem Einzelnen und der Einzelnen möglich, ihre persönliche Würde (vor Gott und in der Gesellschaft) neu zu entdecken. Neues Selbstbewusstsein entsteht und damit ein Mehr an Leben, an Möglichkeiten.
Am heutigen Wochenende werden die Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände im Erzbistum Paderborn neu gewählt. Einige der Ehrenamtlichen, die sich dort zur Wahl stellen, fühlen sich möglicherweise auch als „Kleinspender“, die den Gemeinden wahrlich nicht ihren Überfluss an Zeit zur Verfügung stellen, sondern sich ihr Engagement abknapsen müssen neben beruflichen und familiären Verpflichtungen. Umso wichtiger ist das Signal der Gemeinden an ihre Gremien, dass sie deren notwendige und zukunftsträchtige Arbeit würdigen. Zuallererst und ganz aktuell mit aktiver Wahlbeteiligung. Deshalb gilt an diesem Wochenende der Slogan : „Wählen Sie doch mal Kirche!“


24.05.2012
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