Weißrussische Zwangsarbeiterinnen besuchten Grab ihrer Verwandten in Hamm
Sich noch einmal nahe sein
Hamm. Zahlreiche Menschen erinnern sich intensiv an Familienangehörige, die sie lange nicht gesehen haben oder an Verstorbene, deren Gräber sie nicht besuchen können. Gerade während der beiden Weltkriege wurden viele Familien getrennt und lebten und starben fortan weit voneinander entfernt, oft sogar über Ländergrenzen hinweg. Drei Weißrussinnen standen jetzt in Hamm zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder am Grab ihrer Verwandten.
von Elisabeth Plamper
Die Totenglocke der Liebfrauenkirche läutet. Auf dem Südenfriedhof haben sich Hanna Bondar, Volha Kaplanenka, geborene Bondar, und Anna Iljinitschna Kagukina mit ihrer Enkelin Darya Snipava gemeinsam mit Pfarrer Norbert Schickentanz von der St.-Reginen-Gemeinde in Rhynern und geladenen Gästen zu einer liturgischen Feier zum Gedenken an ihre verstorbenen Anverwandten am Brudergrab eingefunden. „Geben Sie uns eine zweite Chance“, in einer kurzen Ansprache warf der Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann einen Blick zurück in die Zeit, als Zwangsarbeit das Leben der drei Frauen in Hamm bestimmt hatte. Musikalisch begleitete Peter Henneken auf dem Cello die Zeremonie.
Anna Iljinitschna Kagukina wurde 1943 aus Witebsk mit ihrer Familie in die westfälische Stadt verschleppt und verlor bei einem Bombenangriff ihre zwei Schwestern. Sie wurden damals mit anderen Gefallenen ohne Priester in einer sogenannten „Brudergrube“ beigesetzt. Ihre Mutter stellte zwei Holzkreuze auf und steckte auf eines ein Marienbild. Nach ihrer Rückkehr nach Russland 1945 blieb nur die Erinnerung.
Hanna Bondar und ihre Zwillingsschwester Volha Kaplanenka, geborene Bondar, erging es ähnlich. Sie waren gerade einmal 16 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihren Eltern und den Geschwistern 1944 aus ihrer Heimatstadt Witebsk/Weißrussland nach Hamm abtransportiert wurden, obwohl ihr Vater versuchte hatte, sie und Nachbarskinder in einem Schützengraben zu verstecken. Bei einem Bombenangriff kamen die Mutter und die älteste Schwester ums Leben. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945 erreichte der Rest der Familie nach langen Irrwegen zwar wieder die Heimatstadt in Russland, fand dort aber keine Bleibe mehr. Als der Vater starb, führte sie 1947 der Kampf ums Überleben weiter nach Grodno in der Ukraine, wo sie heute auch ihren Lebensabend verbringen. Die Sehnsucht, noch einmal am Grab ihrer Angehörigen in Hamm zu stehen, begleitete sie ihr ganzes Leben.
Nun nach über 40 Jahren erfüllte sich dieser Wunsch. Eine offizielle Einladung der Stadt Hamm machte es möglich. Über ihren Bekannten Andreas Faltermaier aus dem bayerischen Fraunberg bekam Darya Snipava, die Enkelin von Anna Iljinitschna Kagukina, Kontakt zu Markus Klüppel, Landschaftsarchitekt bei der Stadt Hamm.
„Anhand der Friedhofspläne und der Kriegsgräberliste konnte ich die Gräber schnell ausfindig machen“, erläutert Klüppel. „Frau Kagukina bekam so einen Brief mit aktuellen Fotos des Friedhofes und des gemeinschaftlichen Gedenksteines sowie des Westenschützenhofes, wo das Zwangsarbeiterlager war. Emma Malukova, eine Mitarbeiterin im Grünflächenamt, die Russisch spricht, übersetzte die Schreiben.“ Später folgte dann die Einladung seitens der Stadt.
Nach der Andacht pflanzten die vier Frauen Birken, die sie aus ihrer weißrussischen Heimat mitgebracht hatten und verbargen auch nicht ihre Rührung darüber, dass es den Friedhofsteil mit den Gräbern der Toten aus der ehemaligen UDSSR immer noch gibt, dieser von Seiten der Stadt mit einem Gedenkstein versehen wurde und auch an die Bepflanzung mit Birken in Anlehnung an russische Landschaften gedacht worden war.







