Vom TV-Schauspieler zum Ordensmann
Sich lösen von Äußerlichkeiten
Pater Thomas Astan ist einer, der zumindest im sprichwörtlichen Sinne alles verkauft hat. Im Alter von 38 Jahren hat der ehemalige Filmschauspieler und Theaterregisseur sein Leben komplett umgekrempelt. Er, den viele noch von seinen Fernsehrollen in Derrick, Der Alte oder aus dem Tatort kennen, wurde Ordensmann. 1988 trat Astan bei den Salesianern Don Bosco ein.
von Andreas Kaiser
„Ich wollte etwas tun, was Sinn hat. Ich wollte nicht mehr um mich selbst kreisen“, sagt Astan. Und ähnlich wie bei vielen anderen Spätberufenen, hat das Schicksal auch bei Astan ein wenig nachgeholfen. Durch Umbesetzungen in der Führungsetage seines Theaters lief beruflich nicht mehr alles so glatt. Ein Projekt in Italien zerschlug sich. Zudem starb damals Astans Regieassistent in viel zu jungen Jahren an Aids. Am Ende dieser Zeit jedenfalls war klar. „Ich war leer. Ich brauchte Halt.“ Astan fand, auch ausgelöst durch die Gespräche mit seinem sterbenskranken Assistenten, zum Glauben zurück.
Bei einem Spaziergang kam der Regisseur am ehemaligen Don-Bosco-Kinder- und Jugendheim am Berliner Wannsee vorbei. Das Projekt zur schulischen und beruflichen Integration benachteiligter Jugendliche überzeugte den Mann. Nach einigen Besuchen in Brasilien, Mittelamerika und Indien, wo sich die Salesianer vor allem für obdach- und bindungslose Jugendliche einsetzen, gründete Astan den Verein „Impulse für die Straßenkinder“. Rund 800 zahlende Mitglieder hat der Verein heute. Die meisten von ihnen sind Künstler, von denen einige immer mal wieder in die Dritte Welt reisen, um dort mit den Kindern zu arbeiten – mit ihnen Theaterprojekte aufzuführen, ihnen das Spielen von Musikinstrumenten beizubringen oder mit ihnen Bilder zu malen.
„Diese Kinder sind durch die Globalisierung aus allen Zusammenhängen rausgefallen“, sagt Astan. „Von allen verstoßen, verprügelt. Überall werden sie davon gejagt. Und plötzlich kommt jemand, nimmt sie an, und macht sogar etwas mit ihnen. Die Künstler sind die Rattenfänger“, sagt der Pater. Für viele Jugendliche seien die Künstler der erste Kontakt zum Orden. Die Künstler laden die Kids ein. Und die können dann selbst entscheiden, ob sie weitere Hilfe in Anspruch nehmen möchten, und beispielsweise bei Don-Bosco zur Schule gehen oder eine Ausbildung absolvieren. „Das ist Spiritualität der Salesianer“, sagt Astan. „Hilfe für Benachteiligte! Ganz konkret.“
Viel näher als in einem sozial tätigen Orden kann man als Christ wohl kaum in der Nachfolge Christi leben. Auch wenn Astan früher nicht unbedingt reich war, so lebte er doch im Überfluss. Bei seiner Wohnungsauflösung fand er etliche Kleidungstücke, die er nie angezogen hatte. Heute gilt der Großteil seines Engagements, ganz wie vom heutigen Evangelium gefordert, den Armen. „Das Evangelium ist die Basis für die Nachfolge, für das Ordensleben. Im Wesentlichen geht es darum, sich von Äußerlichkeiten zu lösen. Ohne den Willen zu verzichten, kriegt man im Ordensleben nicht viel hin“, sagt Astan.
Seine Herkunft hat der Ordensmann dennoch nie verleugnet. Neben seiner Arbeit für die Straßenkinder ist Pater Astan seit 2000 in Berlin für die Künstlerseelsorge zuständig. Seine Sprache ist klar. Das Timbre tief und jederzeit sendetauglich. Anders als bei vielen anderen Ordensleuten ist Astans Kleidungstil lässig. Im existenzialistischen Schwarz sitzt der jung gebliebene Mitsechziger in seinem Büro, mitten in Berlins angesagter Mitte. Das Hemd oben offen. An den Füßen modische Ledersneakers. Sein legerer Auftritt hält Astan jedoch nicht davon ab, auch mal deutliche Worte zu finden. Etwa wenn er über Ungerechtigkeiten spricht. Oder über Manager, die schon im Überfluss leben, aber dennoch immer mehr Reichtümer anhäufen. „Zum Kotzen ist das“, sagt Astan und wirft die Wörter angewidert aus. Das Nadelöhr zu verfehlen, sei eben oft nichts anderes als der selbstverschuldete Ausschluss aus der Gemeinschaft, so der Priester.
Berührungsängste hat Astan offenbar keine. Alte Kontakte, Prominente halfen ihm bei seinem sozialen Engagement. Mit Horst Tappert drehte er einen Werbespot für die Jugendarbeit der Salesianer. Den Fernsehjournalisten Dieter Kronzucker ermunterte er zu einer Dokumentation über das Leben der Straßenkinder. Und Edzard Reuter, der ehemalige Chef von Daimler-Benz, ist Mitglied in Astans Straßenkinder-Verein.
Über seine Klientel, die Künstler, die Pater Astan mit Vorträgen an Hochschulen und mit ausgefeilten und oft fordernden Predigten vom Christentum zu überzeugen sucht, sagt Astan. „Künstler sind besonders sensibel und besonders sensitiv. Sie suchen mehr als andere Menschen. Künstler versuchen mehr und häufiger zum Wesentlichen vorzudringen.“ Und ähnlich wie ein Maler mit einem Bild zumeist eine Aussage trifft, so lebt der ehemalige Schauspieler Astan jetzt sein Ordensleben, sein soziales Engagement, nicht frei von Inszenierung. Doch vor allem aber ist Astans Leben ein Fingerzeig, ein Hinweis an alle Menschen, dass es links und rechts eines jeden Lebensweges noch mehr gibt als die eigene Befindlichkeit und den angestrebten Besitz!
Infos zum Projekt unter www.impulse-aus-berlin.de.







