Gedanken zum Evangelium
Sei ohne Furcht, glaube nur
von Dr. Thomas Witt
Eines der Worte, die man am häufigsten in der Heiligen Schrift finden kann, ist das Wort: „Fürchte dich nicht.“ Auch in den Evangelien findet man diese Aufforderung Jesu immer wieder. Die Vertreibung der Furcht und der Angst ist offenbar etwas, das eng mit der Sendung Jesu verbunden ist.
Die Angst oder Furcht bedeutet in diesem Evangelium die Angst eines Vaters um sein sterbenskrankes Kind. Das ist eine Angst, die besonders tief in das Phänomen der Angst hinein reicht. Es ist Todesangst und Sorge um einen geliebten Menschen, für den ich vielleicht sogar bereit wäre, mein eigenes Lebens aufs Spiel zu setzen.
Wenn zu Jesus Sendung aber wesentlich gehört, die Furcht zu vertreiben, dann dürfen wir in dieser besonderen Angst des Synagogenvorstehers alle Ängste des Menschen erkennen, die ihn niederdrücken und klein halten. Die Angst, die uns nicht aufrecht gehen läßt, die Angst, die uns zwingt, uns zu schützen, damit wir nicht verletzt werden. Es ist letztlich die Angst, die uns befallen hat, seit der Mensch das Urvertrauen auf Gott verloren hat.
Jesus will den Menschen helfen, diese Angst zu vertreiben. Und das Mittel dazu ist der Glaube. „Glaube nur …“, gibt Jesus dem Synagogenvorsteher mit auf den Weg. In diesem Wort können wir viele Worte der Heiligen Schrift mit hören: „Alles kann, wer glaubt.“ (Mk 9,23) „Das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube.“ (1 Joh 5,4)
Der Glaube bedeutet Vertrauen auf Gott. Der gläubige Mensch vertraut darauf, dass Gott es mit ihm gut meint, dass er ihn zum wahren Leben führen will und seine Größe nicht dadurch herausstellen will, dass er den Menschen klein macht. Dafür muss der Mensch aber seine Sicherheiten loslassen. Er kann nicht alles in der Hand behalten und gleichzeitig auf Gottes große Taten rechnen. Der Synagogenvorsteher muss mit Jesus gehen und zulassen, daß er in sein Haus kommt, obwohl alles Hoffen auf Heilung eigentlich vergeblich sein muss. Der Glaubende muss in das Vertrauen hinein springen, oft genug gegen allen Augenschein und auch trotz des Gelächters der anderen. Als Jesus sagt, dass das Kind nicht gestorben sei, lachten die Anwesenden.
Die Aufforderung Jesu zu glauben, war zu allen Zeiten eine Herausforderung. Und immer waren die schnell dabei, die die anderen auslachten und ihre Hoffnung für töricht hielten. In diese innere und äußere Anfechtung hinein spricht Jesus zu allen Zeiten sein Wort: „Sei ohne Furcht, glaube nur!“ Und dieses Wort sollte sich auch die Kirche unserer Zeit sagen lassen. Ernten wir nicht auch innerhalb der Kirche mildes und ungläubiges Lächeln, wenn wir der Kraft Gottes mehr zutrauen als unseren wohldurchdachten Pastoralplänen? Haben wir den Bereich, in dem wir mit Gottes Handeln rechnen, nicht sehr klein gemacht. Oft verhalten sich die Christen unserer Tage so wie die Angehörigen des Synagogenvorstehers: Das Kind ist tot, alle Hoffnung war vergeblich. Jetzt müssen wir es mit Würde tragen.
Diese Resignation, die auf den ersten Blick so realistisch und klug wirkt, ist aber doch nur die Klugheit dieser Welt. Der wahrhaft Glaubende erwartet von sich und seiner Klugheit nichts, aber alles von Gott, auch das, was nach den Maßstäben dieser Welt naiv oder dumm wirkt. Gott wirkt da Großes, wo wir uns unsere Kleinheit eingestehen und unsere Hoffnung auf ihn setzen.
Der Glaube des Synagogenvorstehers war vermutlich auch angefochten. Er wird nicht recht gewusst haben, ob er weiter auf Jesus setzen darf oder nicht. Er dürfte auch durch das Gelächter der anderen verunsichert gewesen sein. Aber er geht mit und führt Jesus zu seiner Tochter. Gerade ab diesem Moment wird seine Hoffnung zu einem geradezu blinden Vertrauen. Und dieses blinde Vertrauen lässt seine Tochter wieder leben.







