Gedanken zum Evangelium
Seelsorge mit Herz und Leidenschaft
Ein schönes Beispiel für „Seelsorge mit Herz“ liefert Jesus in diesem Evangelium. So führt Alois Schröder, Bundespräses des Kolpingwerkes, aus.
Eine Art Perestroika prägt das aktuelle Bild der katholischen Kirche unseres Landes. Neue Seelsorgestrukturen und größere pastorale Räume entstehen. Der Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen zwingt zu solchem innerkirchlichen Umbau. Wird er nur eine Sache der Verwaltung und Verteilung des Mangels sein oder wird er auch als Chance zu einer inneren und geistlichen Erneuerung gesehen und genutzt?
Das Evangelium des 11. Sonntags im Jahreskreis will und kann uns nützliche Hinweise geben. Jesu Beispiel ist eine Mustervorlage für eine Seelsorge mit Herz und Leidenschaft. Er sieht die vielen Menschen, die müde und erschöpft sind wie Schafe, die keinen Hirten haben. Was Jesus da sieht, geht ihm zu Herzen. Das lässt ihn nicht kalt und ungerührt. Ganz im Gegenteil! Er hat Mitleid mit diesen Menschen. Ihre Not geht ihm an die Nieren. Zutiefst nimmt er an ihr teil, macht sie sich zu eigen. Er zeigt Erbarmen mit den Schafen ohne Hirten und hält den „Hirten Israels“ den Spiegel ihres Versagens vor.
Jesu Sorge, seine Seelsorge gründet im Mitleid mit den Menschen in ihrer geistigen, seelischen und leiblichen Not. Seine Pastoral ist auf den ganzen Menschen gerichtet, ist Leib-Seelsorge. „Er verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden“ (Mt 9, 35). Verkündigung und Heilung gehören für Jesus unlösbar zusammen. Mehr noch: Sein Wort, sein pastorales Wirken haben immer heilenden Charakter. Sie haben eine therapeutische Wirkung für Seele und Leib. Die Sehnsucht nach Heil und Heilung ist auch in unserer Zeit unverkennbar groß. Und deshalb braucht es viele Arbeiter bei der Ernte. Es braucht viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge unserer Kirche. Denn Jesu heilendes und not-wendiges Wirken will und soll weitergehen in seiner Gemeinde, in seiner Kirche von heute.
Unleugbar ist der Mangel an Priestern und Ordensleuten. Unleugbar ist aber auch der Mangel an „Seelsorgern“, die nicht zum Kreis des „Klerus“ gehören. Alle Getauften sind von Jesus berufen, Hirten, sprich: „Pastoren“ zu sein für die müden und erschöpften Schafe von heute. Sonst straft uns das Zweite Vatikanische Konzil Lügen mit den Worten der Pastoralkonstitution (Die Kirche in der Welt von heute): „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“.
Pastoral im Sinne Jesu braucht Menschen mit Herz und Leidenschaft; Priester und Laien, die die Not der Menschen wirklich sehen, die innere und äußere Not; die sich diese Not zu Herzen gehen lassen. Bekanntlich sieht der tiefer und intensiver, wer mit dem Herzen sieht! Pastoral braucht natürlich auch Struktur und Verstand. Unverzichtbar allerdings sind Herz und Leidenschaft für Menschen, die arm dran sind. Und deshalb braucht es Priester und Laien, die als Seelsorger und Seelsorgerinnen ein waches Auge und ein liebendes Herz vor allem für die „Sorgenkinder“ in Kirche und Gesellschaft haben, die sich von Gott und aller Welt verlassen fühlen.
Im Pastoralkonzept Jesu gehören Verkündigung des Wortes Gottes und Heilung der Menschen fest zusammen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellt uns Jesus in der Person des Priesters und des Leviten kläglich versagende Religionsdiener vor Augen. Vom Samariter aber heißt es beispielhaft: „Als er ihn (den unter die Räuber Gefallenen) sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie“ (Lk 10, 33 f.). „Misericordia motus“ heißt es in der lateinischen Übersetzung, Von „Barmherzigkeit bewegt“, will sagen: Es drehte sich das Herz in seinem Leibe um. Mitleid als Anlass und Anstoß zu einer hin- und nachgehenden Seelsorge! So bekommt unsere Rede von der Barmherzigkeit Gottes Hand und Fuß, wird sie greifbar und spürbar für Menschen in Not und Leid. Das ist sicherlich eine der Kernaufgaben kirchlicher Pastoral. Anfrage und Anspruch an jeden/jede von uns! Denn, so Adolph Kolping: „Tätige Liebe heilt alle Wunden, bloße Worte mehren nur den Schmerz!“
Msgr. Alois Schröder,
Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland,
Burgmauer 1a, 50667 Köln







