Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Saubere Hände, aber das Herz voller Habgier

Pfr. Dr. Dr. Markus Jacobs ist Leiter des Pastoralverbundes „Im Bielefelder Westen“

Jesus hat nach biblischem Befund nicht nur mit vorsichtig abgewogenen Worten gesprochen. Beispielsweise die Tempelreinigung zeigt deutlich, dass ihn manche Geschehnisse sehr aufbrachten. Ähnlich erregt scheint er gewesen sein, als Pharisäer seinen Jüngern vorwarfen, rituelle Waschungen gering zu schätzen. Denn seine Antwort beginnt zwar mit einem Bibelzitat, aber er greift damit die Fragenden scharf an.

von Dr. Dr. Markus Jakobs

Heuchler seien sie! Ihre Gottesverehrung sei sinnlos, ihre Lehren seien menschliche Satzungen, sagt Jesus. Dabei hatten die Pharisäer nur nach dem gefragt, was für viele Juden selbstverständlich war: dass sie Körperteile oder Gegenstände wegen der kultischen Reinheit wuschen. Vor dem Essen oder nach dem Marktgang und noch zu vielen anderen Gelegenheiten waren entweder die Hände zu reinigen oder ganze Bäder zu nehmen. Erst recht waren Gegenstände, die von bestimmten Menschen berührt worden waren, vor der Benutzung abzuspülen.
Was soll daran so verwerflich sein? Auch Eltern lehren ihre Kinder, sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Und in Zeiten der Schweinegrippe ist heute sogar eine geschärfte Aufmerksamkeit für Ansteckungsmöglichkeiten gegeben. Händewaschen wird allerorten empfohlen …
Der entscheidende Punkt muss für Jesus ein anderer gewesen sein. Er war wahrscheinlich wie alle Juden sogar von Stolz über das Gesetzeswerk und die lebensnahe Weisheit Gottes erfüllt (Dtn. 4,18). Gesundheitsförderlich waren solche Vorschriften auch. Dem hätte er nicht widersprochen. Aber hat man schon Gott gemäß gelebt, wenn man sich die Hände wäscht, einen Becher spült oder von Menschen fernhält?
Man kann Reinigungsregeln peinlich genau beachten, gleichzeitig aber lebenszerstörende innere Haltungen offensichtlich unbeachtet lassen. Diesen Eindruck muss Jesus von manchem seiner Zeitgenossen gehabt haben: Saubere Hände, aber im Herzen voller Hinterlist und Habgier? Die Missachtung des Eigentlichen hat ihn äußerst gereizt. Er setzt einen Grundsatz dagegen: „Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen her­auskommt, das macht ihn unrein.“
Heutzutage würde kaum jemand mit dem Thema Waschungen beginnen. Aber den Außeneinflüssen schreiben wir in modernen Gesellschaften sogar sehr viel Wirkung zu. Filme, Fernsehen, Internet oder andere gesellschaftliche Einflussquellen, sollen sie unwichtig sein für die Beziehung des Menschen zu Gott? Verführen sie nicht manchmal sogar zur Sünde?
Was würde Jesus antworten? Wäre er vielleicht ebenso gereizt? Möglicherweise würde er sagen: Du bist noch nicht deshalb gerecht, weil du auf die schlechten äußeren Einflüsse schimpfst und dich oder deine Familie von ihnen fernhältst. Denn was ist mit deinen eigenen bösen Gedanken oder deinem Ehebruch? Das Entscheidende entsteht in dir selbst.
Der Grundsatz Jesu lautet mit anderen Worten: Schau nicht nach außen. Horche in dich hinein. Und bevor du die Verunreinigungen des Lebens bei anderen oder im Außeneinfluss suchst, frage eher danach, was du selbst aus deinem Inneren in die Welt entlässt.
Jesus nennt noch weitere solcher „Ausscheidungen“, mit denen Menschen das Miteinander und ihre Beziehung zu Gott vergiften. Darunter sind Hochmut, Verleumdung, Neid … Solche Handlungen und Empfindungen entstehen eindeutig im Inneren. Wie zersetzend können sie unter Freunden, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz wirken. Und sie trüben auch die Beziehung des Menschen zu Gott – damals wie heute.


24.05.2012
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