Aktuelle Ausgabe
2012-20

St. Maria Lyskirchen: Malereien deuten die Bibel

Predigt in großen Gewölbebildern

Im Norden das Alte, im Süden das Neue Testament:
In einer alten Kölner Kirche ist zu sehen, wie sich biblische Verheißungen erfüllt haben – nach Ansicht mittelalterlicher Theologen.

von Christoph Buysch

Wer die Kirche St. Maria Lyskirchen durch das Westportal betritt, muss schon genau hinsehen. Über dem Portal finden sich im Rankwerk Gesichter, gekrönte Schlangen, Ziegen mit menschlichem Gesicht und gierige Vögel, die Neid, Stolz, Luxus und Habgier symbolisieren. „Das ist die Realität menschlichen Lebens, die hier, außerhalb der Kirche, gezeigt wird“, sagt Matthias Schnegg, Pfarrer an St. Maria Lyskirchen, benannt nach dem alten Kölner Stadtteil.
Über dem Portal steht in einem Medaillon die Einladung unter einem Kreuzzeichen, wo vermutlich auch einmal ein Lamm Gottes abgebildet war: „Besiegt durch dieses Zeichen die feindliche Wut.“ Jede Kirchentür lade die Menschen ein, meint Pfarrer Schnegg. „Sie bedeutet uns: Tritt durch diese Türe ein, um dich hier von der Welt- und Lebensdeutung Jesu, den wir als den Christus bekennen, inspirieren zu lassen. Und die Grundlage dieser Inspiration ist die Heilige Schrift.“ Wie viele Menschen auf eine solche Einladung reagieren, zeigt der seltsam gewundene Hase im Kapitell der Säule rechts neben dem Portal: Mit dem Körper will er hinein, der Kopf schaut aber noch lieber in die andere Richtung. Wir treten trotzdem ein. Im Inneren des Gotteshauses empfängt uns eine Dunkelheit, erhellt von vielen Kerzen. Das Tageslicht, das durch die oberen Fenster im Kirchenschiff noch hell einfällt, erleuchtet die Gewölbe der kleinsten romanischen Kirche in Köln. Und die sind weithin einzigartig. Vor gut 100 Jahren hatte man entdeckt, dass sich unter den damaligen Farbschichten komplette Gewölbemalereien verbargen – aus dem 13. Jahrhundert. Da üblicherweise keine Bänke mehr in der Kirche stehen, stellen wir uns mitten in den Kirchenraum, um uns von Gemälden inspirieren zu lassen, die seit rund 750 Jahren das Leben Jesu für Glaubende und Suchende deuten wollen.
Sie tun dies, wie Jesus selbst es im Evangelium vorgemacht hat. Als er in der Synagoge von Nazaret das Buch Jesaja aufschlägt, daraus liest und abschließend darlegt, dass sich das Schriftwort nun erfüllt hat. Ebenso schlagen die Bilder über uns auf ähnliche Weise die Bibel auf. Zuerst sehen wir drei Männer mit Flügeln am Tisch sitzen und einen, der sie bedient. In ihrer Mitte ein Spruchband: „Sara wird einen Sohn haben.“ Na klar, Abraham wird von den drei Männern besucht, die die Geburt des Isaak vorhersagen. „Wenn man genau hinguckt“, hilft Pfarrer Schnegg, „dann sieht man hinter dem Kopf des linken Besuchers bei Abraham den Kopf von Sara, die da hinter der Zeltwand heimlich lacht, weil sie weiß, wie alt sie ist und dass das eben nichts mehr werden kann.“ Gegenüber findet sich eine Szene, die man schon auf den ersten Blick wiedererkennt: Der Engel Gabriel bringt Maria die Botschaft, dass sie die Mutter Jesu werden soll. Zweimal die Ankündigung einer Geburt. Dasselbe Muster, dargestellt wird der selbe Typ von Ereignis. Deswegen nennt man solche Darstellungen auch Typologie.
Warum die beiden Bilder nun gegenüberliegen, kann Matthias Schnegg erklären. „Das ist so eine Typologie, die dann eben damit endet: Für Gott ist nichts unmöglich, sogar, dass diese beiden Alten – Sara und Abraham – noch ein Kind kriegen. Und die Steigerung des Neuen Testaments überbietet dann insofern, als der Verkündigungsengel zu Maria spricht: Das Kind, das du empfängst, ist sogar eines vom Heiligen Geist.“
Diese Art der Darstellung zieht sich die Gewölbe des Hauptschiffs entlang, vom Altar bis zur Orgel. Den Szenen aus dem Alten Testament auf der Nordseite, stehen die typologisch ähnlichen Ereignisse aus dem Leben Jesu auf der Südseite gegenüber. Solche Vergleiche haben eine Tradition bis zurück zu Paulus, der im Römerbrief den alten Adam und seine Sünde mit Jesus Christus als dem neuen Adam vergleicht, der die Sünde aufhebt.
Manche Gegenüberstellungen sind direkt einleuchtend, wie zum Beispiel im mittleren Gewölbe. Dort sitzt Ijob auf dem Misthaufen, krank und vom Schicksal geschlagen. Auf der anderen Seite wird Jesus gerade gegeißelt. Bis heute ist dieses Leiden Jesu für Menschen schwer zu verstehen. Das Bild Ijobs gibt dagegen eine Möglichkeit dazu: Als absolut gerechter Mensch hat er Gott auch im unverständlichen Leiden vertraut und wurde dafür schließlich erlöst und belohnt.
Für manchen Gelehrten in der alten und mittelalterlichen Kirche waren solche Vergleiche ein Grund, den Wert des Alten Testaments bloß noch darin zu sehen, dass es auf Christus verweist. Die Leiden der Erzväter und Propheten dienten einzig dazu, die Passion Christi im Voraus abzubilden. Schnegg betont, dass man das Alte Testament so nicht mehr deuten kann: „Die Darstellungen haben zwar immer das Ziel, das Alte Testament im Neuen zu überhöhen. Aber nicht insofern, als das Alte wegzuwerfen sei, sondern dass es die Grundlage ist, die im Judentum auch durchaus anders gedeutet werden kann.“
Weit über hundert Entsprechungen haben mittelalterliche Künstler als typologische Darstellungen zum Leben Jesu ge- oder erfunden. Allein für die Taufe Jesu fanden sich ganze 14, die nicht alle plausibel erscheinen. Auch Gegenüberstellungen in St. Maria Lyskirchen leuchten auf den ersten Blick nur bedingt ein. Wie kann zum Beispiel das Bild von Simson, der die zwei Türflügel von Gaza ausreißt, das Bild von Jesus auf den Pforten der Hölle erklären, der den Tod überwindet? Hier scheint die Ähnlichkeit bloß an den Türflügeln in beiden Bildern zu hängen. Pfarrer Schnegg deutet dies so, dass Jesus mit den Ungerechtigkeiten der Welt anders umgeht als Simson, der quasi als erster Selbstmordattentäter blutige Rache übt. „Der Jesus, der in die Hölle geht, zeigt, dass er die Menschen von solchen Qualen wie Neid und Rache befreit.“ Gleichzeitig schränkt er aber auch ein: „Es ist allerdings nicht so, dass im einen Bild immer eine Frage steht, und die einzig mögliche Antwort steht gegenüber.“
Seit Jahrhunderten können die Malereien in St. Maria Lyskirchen dazu anregen, sich mit der Geschichte Jesu zu beschäftigen und sie zu deuten. Wenn in der Sonntagsmesse eine der Geschichten aus dem Gewölbe gelesen wird, wird diese heute sogar extra angestrahlt.

Eine der Gewölbemalereien zeigt die Verkündigungsszene.Foto: KNA

23.05.2012
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