Aktuelle Ausgabe
2012-20

Professor Dr. H. Christof Müller-Busch ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin

„Palliativmedizin ist aktive Lebenshilfe im Angesicht des Todes“

Professor Dr. H. Christof Müller-Busch war bis 2008 Leitender Arzt der Abteilung für Anästhesiologie, Schmerztherapie und Palliativmedizin am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Seit 2006 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Palliativmedizin soll ein Sterben unter menschenwürdigen Bedingungen ermöglichen schreibt Professor Dr. H. Christof Müller-Busch in seinem Gastbeitrag. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für palliativmedizin äußert darin einige grundlegende Gedanken zur Palliativmedizin.

von Prof. Müller-Busch

Die Betreuung der letzten Lebensphase von schwerstkranken Menschen und die würdige Begleitung des Sterbens wurde besonders durch die sich seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts in Großbritannien entwickelnde Hospizbewegung wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht und auch als medizinische Herausforderung angenommen.
Während früher ein natürliches Sterben das Ende eine Krankheitsverlaufs kennzeichnete und meist in vertrauter Umgebung zu Hause stattfand, wird unter den Bedingungen der modernen Medizin sowohl der Ort, aber auch der  Zeitpunkt des Todes und die Art des Sterbens von vielen oft schwierigen medizinischen und sozialen Entscheidungen bestimmt. Die Angst vor einem sich lange hinziehenden, quälenden Sterben beschäftigt heute eine zunehmend größere Anzahl von besonders älteren Menschen, sodass nach Wegen gesucht wird, dieses zu vermeiden. Die in allen gesellschaftlichen Bereichen geführte Debatte über Möglichkeiten der „Sterbehilfe“ sind Ausdruck dieser Angst aber auch eines geringen Vertrauens in die Medizin, hier angemessen zu helfen. Ein Sterben unter menschenwürdigen Bedingungen zu ermöglichen – wie es in den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung aus dem Jahre 2004 heißt – ist das  Grundanliegen der modernen Palliativmedizin. Dazu gehören vor allem  Prävention und Behandlung des Leidens, aber auch Kommunikation und ethische Orientierung.
Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2002 ist „Palliativmedizin ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, welche mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen. Dies geschieht durch Vorbeugen und Lindern von Leiden durch frühzeitige Erkennung, sorgfältige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen Problemen körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art“.
Inzwischen gibt es über 350 stationäre Einrichtungen (Palliativstationen und Hospize), mehr als 2000 Mediziner mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin, rund 1400 ambulante Hospizdienste mit etwa 80 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern und circa 50 bis 60 ambulante Palliativdienste – eine Entwicklung, die vor 15 Jahren niemand vorhergesehen hätte. Palliativmedizin ist jedoch nicht nur eine neue Spezialdisziplin, die in dieser Form jedoch nur für rund zehn Prozent der jährlich etwa 820 000 in Deutschland Sterbenden benötigt wird. Auch für die meisten anderen Sterbenden sollte durch eine gute palliativmedizinische und -pflegerische Versorgung in Verbindung mit qualifizierter ehrenamtlicher Begleitung nicht nur das von vielen alten und sterbenskranken Menschen bis zuletzt gewünschte Verbleiben in vertrauter häuslicher Umgebung häufiger ermöglicht werden. So wird der palliative Ansatz  in den nächsten Jahren eine besondere Bedeutung aufgrund der demografischen Entwicklung im Rahmen der sogenannten Altersmedizin bekommen. Die Begleitung alter Menschen in der letzten Lebensphase erfordert nicht nur palliative Kompetenz und eine gute allgemeine Palliativbetreuung, sondern auch ein humanes Miteinander und eine allgemeine Wertschätzung des kranken, hilfsbedürftigen bzw. alten Menschen in seiner Bedeutung für andere. Nur so wird es gelingen, die Angst vor dem Sterben so zu mindern, dass die  aktuell wieder zunehmend offen propagierten Angebote zur gezielten Sterbehilfe und die Forderungen, Hilfsmöglichkeiten zum Sterben zu legalisieren, zurückgedrängt werden. Eine effektive Palliativtherapie soll im Respekt vor der Autonomie des Betroffenen die Lebensqualität trotz aller krankheitsbedingter Einschränkungen und verminderter Zeitperspektive so verbessern, dass Tötungs- und Suizidwünsche reduziert werden. Palliativmedizin bedeutet umfassende Orientierung auf das Leben hin – sie ist aktive Lebens­therapie und nicht wie häufig verstanden Sterbetherapie.
So können Palliativmedizin und Hospizbetreuung auch als Seismograf für den gesellschaftlichen Stellenwert im Umgang mit Sterben und Tod angesehen werden und einer Medizin, die sich dieser Aufgabe auch stellt. Deshalb stellen die Prinzipien, die durch Palliative Care wieder stärker in die medizinethische Debatte um Entscheidungsprobleme am Ende des Lebens hineingetragen wurden, eine wichtige Orientierung dar. Unverändert gilt der Grundsatz Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospizbewegung: „Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können.“


23.05.2012
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