Die Bethlehemer Geburtskirche soll Weltkulturerbe werden
Palästinensisches Flaggschiff und Hoffnungsträger
Bis zu zehntausend Besucher drängen sich täglich durch die knapp 1,20 Meter hohe „Tür der Demut“ – seit dem 16. Jahrhundert der Hauptzugang in die Bethlehemer Geburtskirche. Zwei Millionen Pilger sollen es in diesem Jahr werden, schätzt das palästinensische Tourismusministerium. Neben der Jerusalemer Grabeskirche gehört das Gotteshaus über der Geburtsstätte Jesu zu den heiligsten Stätten der Christenheit. Jetzt soll es in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen werden – zusammen mit dem Pilgerweg durch Bethlehem und als erste Welterbestätte in den Palästinensergebieten.
Text: Andrea Krogmann
Fotos: KNA-Bild
Wer in die Geburtsgrotte hinabsteigen will, braucht Geduld. Wie ein Nadelöhr führen zwei Treppen hinunter zu jener Stelle, an der ein silberner Stern auf weißem Marmor den Ursprungsort der Christenheit markiert. „Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est“ – „Hier wurde Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren“, besagt die Inschrift auf dem Stern. Und viele der Pilger fallen auf die Knie, um inmitten des Besucherstroms für einen Moment zu verharren. Wer es bis hierher geschafft hat, ist ins Herz einer der ältesten Kirchen der Christenheit vorgedrungen.
Auf den ersten Blick wirkt der verschachtelte Gebäudekomplex mit Kreuzgängen, Klöstern und Grotten unübersichtlich und wenig zugänglich. Im Jahr 326 ließ Kaiser Konstantin den Vorgängerbau der heutigen Kirche errichten, eine fünfschiffige Basilika mit kunstvollen Bodenmosaiken, auf die der Besucher heute durch zwei Luken im Boden des Mittelschiffs einen Blick werfen kann. Im sechsten Jahrhundert wurde die Geburtsbasilika vergrößert, unter den Kreuzfahrern im 12. Jahrhundert gründlich renoviert und ausgebaut. Aus dieser Zeit stammen die noch teilweise erhaltenen kostbaren Wandmosaike. Auch die vergilbten Bemalungen an den 36 Säulen kann der Besucher bei genauem Hinsehen unter dem Ruß der unzähligen Kerzen und Öllampen noch erahnen.
Anders als viele andere Kirchbauten hat die Bethlehemer Geburtskirche den Siegeszug des Islam unbeschadet überstanden. Auf Anordnung des Kalifen Omar wurde sie im 7. Jahrhundert zu einem Bethaus für Christen und einzelne Muslime erklärt. Mamelucken und Türken hinterließen ihre Spuren, konnten oder wollten aber dem Bestand der Kirche nichts anhaben. Ähnlich verwirrend wie das Gebäudelabyrinth sind die Besitzverhältnisse. Drei Konfessionen teilen sich den Bau: griechisch- und armenisch-orthodoxe sowie römisch-katholische Christen. Detaillierte Vorschriften im sogenannten Status Quo, einer Teilung der Zuständigkeiten und Rechte aus dem Jahr 1852, regeln das schwierige Zusammenleben. Der Hauptteil der Basilika inklusive Geburtsaltar gehört den Griechen; das nördliche Querschiff ist im Besitz der Armenier; und die Lateiner haben Rechte am Dreikönigsaltar bei der Geburtsgrotte sowie dem silbernen Stern unter dem Geburtsaltar. Dazu gilt es, diverse Durchgangs- und Prozessionsrechte der Katholiken und Armenier im „griechischen“ Kirchenschiff zu respektieren. Das Zusammenleben bleibt trotz Status Quo konfliktträchtig, nicht zuletzt, weil über dessen Auslegung gern mal gestritten wird. So geht etwa beim alljährlichen Großputz nach den Weihnachtsfeiern schon mal der ein oder andere Besenstiel im Gerangel um vermeintliche oder tatsächliche Rechte zu Bruch.
Fast täglich in den Schlagzeilen war der sich über 12000 Quadratmeter erstreckende Komplex von Geburtskirche und benachbarter römisch-katholischer Katharinenkirche im Jahr 2002. Damals verschanzten sich dort 39 Tage lang 200 teils bewaffnete Palästinenser, und die israelische Armee belagerte das Areal. Acht Tote durch israelische Scharfschützen lautete die traurige Bilanz. Aber das geschichtsträchtige Gotteshaus hat die Frontlage glimpflich überstanden. Vor allem das Vermittlungsgeschick und die Präsenz der Franziskaner mögen Schlimmeres verhindert haben.
Von einer Klassifizierung als UNESCO-Weltkulturerbe verspreche man sich nun den Schutz vor israelischen Angriffen auf die Kirche, sagte unlängst die palästinensische Tourismusministerin Khouloud Daibes bei der Vorstellung des Anliegens. Dass der historisch bedeutsame Komplex eines besonderen Schutzes bedarf, ist nicht erst durch die Belagerung deutlich geworden. Auch eine andere, seit langem bekannte Gefahrenquelle soll endlich angegangen werden: Nach langem Ringen haben sich die drei Konfessionen im vergangenen Herbst geeinigt, die längst fällige Dachrestaurierung durchführen zu lassen.
Dass die Grabeskirche zum Weltkulturerbe erklärt werden soll, habe die an der Kirche beteiligten Konfessionen überrascht, erklärte Franziskaner-Kustos Pierbattista Pizzaballa. Die Schutzwürdigkeit der Kirche stehe hingegen außer Frage, so der Ordensmann.
Und Schutz hat das Gotteshaus auch bitter nötig. Fachleute warnen seit Jahrzehnten vor dem Verfall der historischen Bausubstanz. Feuchtigkeit dringt durch das morsche Dach, das inzwischen vom Einsturz bedroht ist. Erst im vergangenen Herbst einigten sich die Konfessionsgruppen auf eine umfassende Studie, an deren Ende die Restaurierung des Daches stehen soll. Die Studienphase dauert bis Ende März; wann konkret mit den dringenden Arbeiten am Dach begonnen werden soll, ist allerdings noch unklar. Sollte es die Geburtskirche als erstes palästinensisches Denkmal auf die Welterbeliste schaffen, könnte dies die Arbeiten beschleunigen.
Die Palästinenser indes erhoffen sich mehr von der Klassifizierung. Scheiterte bisher die Aufnahme ihrer Denkmäler an einem fehlenden palästinensischen Staat, soll nach dem Willen der Palästinenser die Geburtskirche als Weltkulturerbe auch die internationale Anerkennung ihres Staates voranbringen.
Weitere Anträge – etwa für die Aufnahme von Jericho und Hebron auf die UNESCO-Liste – sind in Vorbereitung. Die Beziehungen zu Israel indes könnten durch den Antrag wieder einmal leiden. Erst im November hatte Israel seine Zusammenarbeit mit der UNESCO bis auf weiteres ausgesetzt – weil diese das sogenannte Rahelsgrab bei Bethlehem und die Patriarchengräber in Hebron als integralen Bestandteil der besetzten Palästinensergebiete bezeichnet hatte.
Doch noch müssen sich alle Seiten gedulden, bis die Entscheidung der UNESCO im Sommer 2012 gefallen ist.







