Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Nimm dich selber an, wie du bist!

Emanuela von Branca ist Diözesan-Baumeisterin und leitet das Bauamt im Erzbischöflichen Generalvikariat.

Weil Gott uns so annimmt, wie wir sind, können und müssen auch wir uns selbst annehmen. 

von Emanuela von Branca 

Als Nicht-Theologin war mir lange nicht klar, wie eng die Verknüpfung zwischen dem  Alten Testament und Worten Jesu ist, die für mein Leben große Bedeutung haben. Jeden Tag betet der gläubige Jude das erste Gebot der Gottesliebe, das Schema Israel. Auch mich begleitet dieses wie auch das zweite Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, seit ich Kind war.

Davon möchte ich hier erzählen. In kindlicher Naivität haben mich diese Sätze sehr berührt und gleichzeitig ratlos gemacht. Wie kann ich Gott mit ganzem Herzen lieben? Ist mir Gott so nahe wie zum Beispiel meine Eltern? Lieben kann ich doch nur jemanden, der mir greifbar ist? Und das zweite Gebot: Ja! Den Nächsten lieben, das ist möglich. Gutes dem anderen zu tun, das kann ich versuchen. Doch der Satz ist ja noch nicht zu Ende: „wie dich selbst“. Da rührte sich in mir der Widerstand. Ich kann doch nicht eigenverliebt sein, so kann das doch nicht gemeint sein.

Ich erinnere mich noch genau an ein Kartenspiel, dem eine Karte beigelegt war mit einem Zitat von Goethe: „Hilfreich sei der Mensch, edel und gut“, mit dem Nachsatz: „ich bin es nicht“. Damals hatte ich es so aufgefasst, dass ich dem Anspruch, der dem Zitat innewohnt, gar nicht gerecht werden kann. Dass der Satz auch anders gemeint sein könnte, ging mir erst auf, als ich meiner Mutter meine Gedanken erzählte: Ich wollte hilfreich und gut sein. Doch so vieles stand und steht dem entgegen. Wie geht das also zusammen, meine Fehler, meine Unzulänglichkeiten und das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“?

Lange war dieser Widerspruch für mich nicht aufzulösen, bis mir klar wurde, dass mit der Liebe zu sich selbst etwas ganz anderes als etwa Selbstverliebtheit oder gar Narzissmus gemeint ist: Nimm dich so an, wie du bist, mit all deinen Fehlern und Unzulänglichkeiten, denn so bist du gemeint und von Gott in die Welt gerufen. 

Es war für mich wie eine kopernikanische Wende in meiner Selbstwahrnehmung: Gott liebt und meint mich so, wie ich bin. So leicht gesagt – und doch: aus mir allein hätte ich diese Erfahrung nicht machen können. Doch auf einmal war sie da – diese Gewissheit: Ja so ist es! Gott ruft mich hinein in diese Welt, so wie ich bin und mutet mir meine Unzulänglichkeiten zu. Durch die Gewissheit, ganz angenommen zu sein, ohne Einschränkung oder Bedingung, konnte ich mich dann ganz dieser Herausforderung, der Annahme meiner Bedingtheit stellen. 

Irgendwann fiel mir das Buch von Romano Guardini in die Hände „Die Annahme seiner Selbst“. Darin fand ich eine Bestätigung meiner Erfahrung: „Ich soll sein wollen, der ich bin; wirklich ich sein wollen und nur ich. Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir dadurch in der Welt zugewiesen ist.“ 

Und so begleitet mich nicht mehr die Frage, ob ich gut genug bin, sei es in Selbstüber- oder -unterschätzung. Sondern vielmehr, wie kann ich mich immer mehr öffnen, um das Geheimnis der Liebe Gottes zu erkennen, um die zu werden, die ich bin. Nur dann kann ich auch meinen Nächsten als ebenbürtig erkennen – alle Menschen und Geschöpfe, da sie ebenso von Gott geliebt und gemeint sind. Martin Buber übersetzt diese Stelle: „Liebe deinen Nächsten – er ist wie du“. Ja, vielleicht erkenne ich in meinem Nächsten den Menschen, wie er von Gott her gemeint und gedacht ist! In diesem Sinne versuche ich, heute auf die Erfüllung dieser beiden Gebote hin zu leben.

 

 


23.05.2012
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