Wie das süditalienische Bari seinen Heiligen feiert
Nikolaus kommt schon im Mai
Es war ein geplanter Coup, der vor fast 1000 Jahren im kleinasiatischen Myra an der Mittelmeerküste seinen Anfang nahm. Mehrere Dutzend Kaufleute, Matrosen, aber auch Adlige und Geistliche brachen in eine Grabeskirche im heutigen Ort Demre in der Türkei ein, um einen Toten zu entführen. Am 9. Mai 1087 liefen sie zusammen mit der geraubten Fracht im Hafen der apulischen Stadt Bari ein. Ihr Ladegut war damals wie heute besonders wertvoll, und der Besitz ist noch immer brisant.
Text und Fotos:
Markus Nowak / KNA
Die Beute an Bord waren die Gebeine des heiligen Nikolaus. Im Mittelalter war dieser einer der am meisten verehrten Heiligen. Seine Reliquien waren kostbarer als Gold und Edelsteine. Daher bereiteten die Einwohner Baris den Reliquienräubern einen jubelnden Empfang, der bis heute alljährlich nachklingt: Nicht der 6. Dezember, sondern jene Reliquienübertragung am 9. Mai ist für die Bariser das wahre Nikolausfest.
Tagelang bereiten sich die Bewohner der Hafenstadt darauf vor. Der weiße Kalkstein der Bürgersteige wird gebürstet, die Gassen werden mit rot-weißen Wimpeln – den Farben der Stadt – geschmückt, und fast alle Bewohner befinden sich auf den Beinen. „Heiliger Nikolaus, bitte für uns“, rufen und singen Tausende entzückter Menschen, wenn der historische Umzug durch die Straßen zum Hafen hinauszieht. Dort wird mit lichtergeschmückten Gondeln der Patron der Seefahrer in einer Prozession aufs Meer hinausgefahren. Unterwegs werden Szenen aus Nikolaus‘ Leben nachgespielt.
Tatsächlich ist vom Leben des verehrten Heiligen kaum etwas bekannt. „Es existieren nahezu keine Quellen über Nikolaus“, sagt der Heiligenforscher Manfred Becker-Huberti. Angenommen werde, dass Nikolaus Anfang des 4. Jahrhunderts gelebt und als Bischof in Myra gewirkt hat. Die raren, durch Quellen rekonstruierbaren, Lebensdaten werden ergänzt durch etliche Legenden über den Schutzpatron der Schiffer, Getreidehändler, Bäcker, Schüler, Ministranten, aber auch Schnapsbrenner und sogar Diebe und Räuber.
Eine der bekanntesten schildert Nikolaus als einen barmherzigen Menschen. Ein Witwer, so berichtet eine Sage, hatte sein Vermögen verloren und konnte daher seinen drei Töchtern keine Mitgift auszahlen. Nikolaus erfuhr, dass der Vater gar seine Töchter in ein Freudenhaus geben wollte, und warf nachts unbemerkt einen Geldbeutel durch das Fenster der Bedürftigen. Es war genug, um die erste Tochter zu verheiraten. Nikolaus half – aus Freude über den verantwortungsvollen Umgang mit der Spende – der Familie noch zwei Mal.
Beim dritten Geldwurf wurde der Vater wach und lief dem Heiligen nach, um ihm zu danken: „Steh stille, und lass mich dein Antlitz schauen!“ Nikolaus gebot ihm aber, die Tat nicht öffentlich zu machen, solange er lebe. Diese Legende ist Quelle für die häufige Darstellung des Heiligen mit drei goldenen Kugeln oder Äpfeln, die auf den Wappen zahlreicher Städte in weiten Teilen Europas zu finden ist.
Manch eine Stadt wurde gleich nach dem großen Heiligen benannt, in beinahe allen Sprachen – zumindest der christlichen Welt – stand der Heilige Pate für Vor- und Familiennamen, „allein im deutschen Sprachraum gibt es rund 500 Variationen von Vornamen“, hat Becker-Huberti nachgezählt.
All diese Legenden machen die Bariser stolz auf ihren „San Nicola“, auch wenn Nikolaus einer von vielen Heiligen in der katholischen Kirche ist. In der Ostkirche hat er einen recht hohen Stellenwert gewahrt. So wird dem Bischof etwa in der russisch-orthodoxen Kirche neben Christus und Maria mit Kind die dritte große Darstellung auf der Ikonostase der Kirchen gewidmet. „Für Orthodoxe ist Nikolaus der Hyperhagios“, sagt Becker-Huberti. Mit anderen Worten: „Er ist im Osten so etwas wie das Flaggschiff unter den Heiligen.“
Kein Wunder also, wenn die Hauptstadt von Apulien für Russisch-Orthodoxe eine der wichtigsten Wallfahrtsstätten ist. Selbst Wladimir Putin war als russischer Staatschef in der Hafenstadt und spendierte eine Statue für den Platz vor der Basilika San Nicola.
Um den Bau von „San Nicola“ gibt es ebenso wie um den heiligen Nikolaus selbst Legenden. So sollen Stiere den Reliquienschrein nach der Ankunft in Bari vom Hafen genau zu der Stelle der heutigen Basilika gezogen haben. Das Eingangsportal hat als einziges in Apulien daher auch Stiere als Säulenträger und keine Löwen.
Tatsächlich begannen die Bariser gleich nach Ankunft der Reliquien mit dem Bau der Kirche. In die Krypta legten sie den wertvollsten Schatz ihrer Stadt hinein: die Gebeine des heiligen Nikolaus. Jährlich strömen Zehntausende hierher, um ihn zu sehen, besonders um den 9. Mai herum drängen sich Massen in der unterirdischen Grabanlage.
Ein reger Touristen- und Pilgerstrom und damit Einnahmen für die Stadt, das soll auch ein Ziel der Reliquienräuber von 1087 gewesen sein. Die Unternehmung war für die damaligen Bariser kein Raub, vielmehr eine „Reliquientranslation“. Myra war zur damaligen Zeit schon von den muslimischen Seldschuken erobert worden, „aus ihrem Blickwinkel retteten sie die Gebeine des Heiligen“, erklärt Becker-Huberti.
„Ankara will von Italien die Gebeine des heiligen Nikolaus zurückfordern“, war unlängst in den Zeitungen zu lesen. Als Grund wurde die Gründung eines Museums in Demre, dem ehemaligen Myra, genannt. Ein Motiv der Türkei dürfte allerdings auch in einem ähnlichen Kalkül liegen, wie er schon 1087 bei den Barisern bestand: einen Anziehungspunkt für Pilger zu besitzen.







