Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Raphaelskreis in Geseke begleitet Beerdigungen ohne Angehörige

Niemand muss alleine gehen

Sie alle wurden vom Raphaelskreis auf ihrem letzten Weg begleitet: Maria Weiß mit dem Sterbebuch des Seniorenheims Curanum in Geseke, in dem alle Verstorbenen verzeichnet sind.

Geseke. Es ist bitterkalt, überall Eis und Schnee. Nicht viele Menschen gehen in diesen Tagen vor die Tür, und wenn, dann nur, um das nötigste zu erledigen. Doch an der anonymen Urnenbeisetzung, die an diesem Tag im Januar auf dem Geseker Friedhof stattfindet, nehmen neun ältere Damen teil. Wie jedes Mal bei einer solchen Beisetzung. Denn der Raphaelskreis hat es sich zur Aufgabe gemacht, keinen Menschen auf seinem letzten Weg allein zu lassen. Bei Wind und Wetter.

von Birger Berbüsse

Wenn bei Maria Weiß das Telefon klingelt und die Pfarrsekretärin der St.-Petri-Gemeinde dran ist, dann weiß die 75-jährige Rentnerin: Es ist wieder jemand gestorben. Jemand, bei dessen Beerdigung keine Angehörigen dabei sein werden. Jemand, der verbrannt und anonym bestattet werden wird. „Diese Menschen haben zuvor im örtlichen Seniorenheim Curanum gelebt“, weiß die Leiterin des Raphaelskreises. Dort leben kaum Menschen aus Geseke, sondern aus weiter entfernten Gegenden. Sodass im Todesfall entweder keine Verwandten gefunden werden, oder diese einfach nicht kommen.
Auf ihrer Beerdigung sind diese Verstorbenen dennoch nicht allein. Denn nach dem Anruf aus dem Pfarrheim setzt Maria Weiß ihre Telefonkette in Gang. „Dabei sage ich immer den Namen des Verstorbenen, damit er den anderen nicht unbekannt ist“, erklärt die Rentnerin. Am Tag der Beisetzung treffen sich dann die Mitglieder des Kreises in der Kapelle. Dort nehmen sie an der Totenliturgie teil und begleiten die Urne zum Grab. „Denn zumindest auf ihrem letzten Weg sollen diese Menschen nicht alleine sein“, begründet Maria Weiß.
Aus diesem Grund hat sie vor über zwölf Jahren den Raphaelskreis ins Leben gerufen. Denn bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in dem Seniorenzentrum Curanum, in dem sie seit Gründung 1993 Morgenandachten und Kommunion organisiert, hatte sie zwei Dinge mitbekommen: Dass die meisten Bewohner ohne Angehörige beigesetzt werden und dass die anonyme Bestattung immer mehr zunahm. Das fand die ehemalige Lehrerin unerträglich: „So hat das doch bald mehr mit Entsorgung zu tun“, sagt sie mit betroffenem Blick. Doch wo immer von Menschenwürde gesprochen werde, müsse es würdige Bestattungen geben. Und schließlich seien die Verstorbenen bereits ohne Angehörige gestorben, da sollten sie zumindest bei der Beerdigung begleitet werden. Also sprach sie Bekannte aus ihrer St.-Petri-Gemeinde an, und der Raphaelskreis war geboren. Anfangs noch zu fünft, wuchs die Gruppe ständig an und hält sich nun seit einiger Zeit bei 15 Mitgliedern. Gut acht oder neun sind bei jeder Beerdigung dabei. Im Sommer, genauso wie im Winter. Wer fehle, sei automatisch entschuldigt, schließlich sind alle Mitglieder im Rentenalter.
Auch Maria Weiß lässt sich nicht von der Teilnahme abhalten. Sie spricht für die anderen mit wenn sie sagt: „Das ist für mich auch eine innere Pflicht geworden.“ Diese Menschen mit Gebeten und guten Gedanken zu begleiten, das sei ganz wichtig: „Denn darum geht es doch bei uns Christen: Wir glauben, dass die Verstorbenen wie Christus weiterleben.“ Das müsse doch deutlich werden. Außerdem werden einem Verstorbenen dadurch ja auch wirklich die „letzte Ehre“ erwiesen. Und die verdiene jeder.
Auch wenn der Raphaelskreis aus der katholischen Petri-Gemeinde heraus entstanden ist, versteht er sich als ökumenisch. So hat sie vor ein paar Jahren den evangelischen Pfarrer angesprochen, der die Idee mit unterstützte. Auch konfessionslose Menschen lässt der Kreis nicht allein und organisiert für sie eine eigene Totenfeier.
Solange sie es körperlich noch schafft, will Maria Weiß weitermachen. „Mehr können wir ohnehin nicht tun“, sagt Maria Weiß über die Beerdigungsbegleitung. Der Rest liege dann bei Gott: „Aber ich bin überzeugt, dass die alle ganz gut bei ihm ankommen.“



23.05.2012
Impressum | Kontakt
4002