Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Neuer Anfang mit Gott

Christa Mertens ist Gemeindereferentin im Pastoralverbund Rüthen und Geistliche Begleiterin des kfd Diözesanverbandes

von Christa Mertens

Erweiterung der Pastoralverbünde, Fusionen, Überplanung, Konzept- und Profilent­wicklung, Glaubensverluste,  das sind Begriffe, denen engagierte Christen zurzeit im innerkirchlichen Raum oft begegnen. Aber auch in den Medien, Spiegel unserer gesellschaftlichen Situation, ist ständig von Wirtschaftskrise, Kurzarbeit, Spekulationsblasen und Insolvenzen zu hören. Das, was vor einiger Zeit noch gültig und gut war, Systeme, die funktionierten, sind mit einem Schlag außer Kraft gesetzt und überholt. In solchen Krisenzeiten werden alle von der Frage bedrängt: Wie kann es weitergehen, was muss sich ändern, wie kommt der Einzelne, aber auch das System aus dieser Misere heraus? Und was wird dabei auf der Strecke bleiben, was wird Bestand haben?
Führt man sich diese Situation vor Augen und sucht nach Beispielen in der Geschichte, so kann man sie durchaus mit der Zeit vergleichen, in der das Volk Israel im Exil war.
Es ist die Zeit, in der der Prophet Ezechiel gelebt hat und in der die heutige Lesung entstanden ist.
Im Exil war das Gottesvolk vielen Veränderungen ausgesetzt. Alte, tragende Traditionen bildeten kein Fundament mehr, auf und mit dem es sich leben ließ. Der Verlust des Tempelkultes erforderte neue Formen der Ausübung des Glaubens. Sicherlich veränderten sich auch manche Grundlagen des Glaubens und wurden fragwürdig. Hinzu kam der politische Zusammenbruch, der auch eine tiefe Verunsicherung im Glauben auslöste. Denn für die Israeliten zeigte sich darin, dass Jahwe sich in erschreckender Weise von seinem Volk entfernt hatte.
Dies also verbindet die Zeit des Exils mit der unsrigen: Beide leiden unter einer starken Verunsicherung im Glauben. Auch wir müssen erleben, dass das Alte nicht mehr trägt und wir uns ein neues Fundament für unseren Glauben suchen müssen.
Damals wie heute können uns bei dieser Suche Menschen behilflich sein, die in einer besonderen Beziehung zu Gott stehen. Nehmen wir den Propheten Ezechiel. Zu ihm dringt der Ruf Jahwes vor, dem er zunächst mit gebührender Ehre begegnet. Angesichts der Herrlichkeit Gottes wirft er sich nieder. Gott aber spricht ihn an und fordert ihn auf: „Steh auf, stell dich auf deine Füße. Ich will dich ansehen, du bist mein Gegenüber, mit dem ich in Kontakt treten möchte. Du kannst mich nicht hören, mich nicht richtig wahrnehmen, wenn du auf dem Boden liegst. Deine Augen sollen schauen und deine Ohren sollen hören können, wenn ich mit dir rede. Ich will dich, Menschensohn / Tochter. Mit all dem, was dich ausmacht, auch mit deinen Fehlern, Schwächen und Unfertigkeiten. Dich habe ich auserwählt, du sollst zu den Menschen gehen, erfüllt und ausgestattet mit meinem Geist.“
Allein diese Szene ist voller Trost und Hoffnung für uns Menschen. Sie macht gerade denen Mut, die sich nicht als würdig ansehen, die sich zu klein und zu unbedeutend fühlen, um Boten und Botinnen Gottes zu sein. Doch bei Gott sind Fehler und Schwächen nicht so wichtig. Entscheidend ist für ihn ein offenes Ohr für sein Wort. Er sucht ihm zugewandte Menschen mit wachem Herzen. Sie sollen daran erinnern, dass es einen Gott gibt, der auch in ihrer schwierigen und verworrenen Situation bei ihnen ist. Gott selbst will Antwort sein und geben auf so viele Fragen, und er möchte erreichen, dass die Gesichter der Menschen wieder dem Leben zugewandt sind und ihre Herzen sich aus der Versteinerung lösen. Die Botinnen und Boten werden nicht alle Menschen mit ihrem Anruf erreichen. Im Evangelium wird uns dies sogar über Jesus selbst berichtet. Aber sie sollen Zeugen sein für eine Alternative, für einen Weg aus den zerbrochenen Lebensentwürfen. Sie können aufzeigen, dass nicht das Scheitern die Macht behält, sondern mit Gott ein neuer Anfang möglich ist.


23.05.2012
Impressum | Kontakt
4002