Kairos Müllmenschen und ihre stillen Helfer
Mitten im Dreck
Pyramiden kennt jeder – doch um den Kairoer Stadtteil Ezbet el Nakhl machen Touristenbusse gewöhnlich einen Bogen. Hier leben Zehntausende koptische Christen in Baracken ohne Wasser und Strom. Sie sortieren den Müll der Millionenstadt und suchen nach Verwertbarem. Die Behörden der Stadt interessieren sich nicht für die Müllsammler – anders ein kleiner gemeinnütziger Verein aus dem Schwäbischen.
Text: Michael Jacquemain
Fotos: Harald Oppitz
Es stinkt. Die afrikanische Sonne scheint gleißend vom Mittagshimmel, und bei mehr als 30 Grad wühlen sich unzählige Kinder und Erwachsene durch Berge von Unrat und Dreck. Das kann nicht gesund sein.
Ezbet el Nakhl heißt das Stadtviertel im Nordosten Kairos. Eine Müllabfuhr gibt es hier ebensowenig wie in den anderen Vierteln des 20-Millionen-Molochs. Stattdessen gibt es Müllmenschen. Mit Packeseln, Fahrrädern und kleinen, demolierten Lastwagen schaffen sie die Überreste des täglichen Bedarfs auf ihr Areal. Rund 100 mal 150 Meter groß ist der von mehrgeschossigen Wohnhäusern eingeschlossene Platz. Akribisch wird alles sortiert, denn Müll ist nicht Müll. Metalle, Plastik, Papierreste – alles hat seinen Recyclingpreis. Und davon leben die Menschen von Ezbet el Nakhl.
Probleme gibt es seit ein paar Jahren mit organischem Abfall. Früher nutzten die Müllmenschen, überwiegend koptische Christen, Essensreste zum Füttern ihrer Schweine. Doch als die Schweine-grippe aufkam, zwangen die Behörden die Müllsammler, ihre Tiere zu töten. Ob der Befehl zur Massenschlachtung einen religiösen Hintergrund hatte und die muslimische Mehrheit der christlichen Minderheit schaden wollte, ist kaum zu sagen. Seitdem weiß jedoch keiner so recht, was mit der Biomasse gemacht werden soll. Und in Ezbet el Nakhl stinkt es immer mehr, denn täglich kommen nach Schätzungen rund 600 Tonnen Abfall dazu. Den Behörden scheint das egal zu sein, niemand kümmert sich in Kairo so recht um diese Müllsammler – zumindest von öffentlicher Seite.
In einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen und die Rente genießen, hatte die belgische Ordensschwester Emmanuelle 1971 begonnen, sich um die Müllmenschen zu kümmern. Heute, fast 40 Jahre später, stinkt es in Ezbet el Nakhl zwar immer noch, aber die rund 6000 bis 8000 Kairoer, die mehr schlecht als recht von der Abfallsammel- und Sortierstation leben, haben inzwischen eine Anlaufstelle: das Salam-Center, betrieben von 19 koptischen Ordensfrauen.
Im Zentrum geschieht viel, was der Staat nicht geregelt bekommt: Bildungsprogramme für Frauen und Jugendliche, eine medizinische Station für Kinder, ein kleines Hospital, ein Kindergarten, eine Einrichtung für Behinderte, zwei Schulen für 2900 Kinder – eine davon direkt neben der Müllsammelstelle: Auch wenn es selbst in den Klassenzimmern nach den Abfällen mieft, so haben die Kinder doch eine Chance, als ausgebildete Jugendliche dem Gestank irgendwann zu entkommen. So manches der Kinder in Schuluniform scheint seine Chance zu erkennen. Selbst die Jüngsten arbeiten sehr engagiert und diszipliniert im Unterricht mit. Und während im Klassenzimmer strenge Ordnung herrscht, stapeln sich vor dem Fenster die Müllsäcke.
Finanziell unterstützt wird das Zentrum in erster Linie von privaten Spendern – auch von einigen kleinen gemeinnützigen Vereinen aus Deutschland. Der ägyptische Staat tut fast nichts.
Für ihn existieren Jakob, Mohamed, Machmoud und Josef offiziell nicht. Die Jungen sitzen in der zweiten Etage des fünfgeschossigen Backsteinbaus um einen kleinen Holztisch herum. Sie spielen und malen, haben Spaß und lachen viel. Hier können sie das Leben genießen. Im Rest des Landes werden behinderte Kinder verleugnet. Zuhause werden sie häufig schlicht weggesperrt. Im Salam-Zentrum erhalten sie eine Förderung. Nach deutschen Maßstäben eher bescheiden, nach ägyptischen sensationell gut.
Insgesamt 200 Beschäftigte hat das Zentrum, die meisten sind Frauen. „Unser größtes Problem heißt Ignoranz“, erzählt Ordensschwester Maria. „Wir kämpfen gegen Unwissenheit, Armut und Krankheit.“ Zum Beispiel beim Thema Stuhlgang: Im Salam-Zentrum erläutert ein Comic mit lustigen bunten Bildern den Kindern, wie man eine Toilette richtig benutzt. Viele hatten vor ihrem Besuch bei den koptischen Schwestern noch nie ein WC gesehen.
Unterstützt wird die Arbeit von Emmanuelles Nachfolgerinnen seit fast zehn Jahren auch vom Verein „Müllmenschen in Kairo“ aus Murrhardt bei Stuttgart. Dahinter stehen Ursula Röwekamp-Eden und ihr Mann Georg Röwekamp, Geschäftsführer des ökumenisch getragenenen Reiseveranstalters „Biblische Reisen“. Wer hier eine Ägypten-Tour bucht, kommt auf Wunsch auch nach Ezbet el Nakhl.
„Pyramiden kann jeder“, sagt Geschäftsführer Röwekamp. Müllsammler, Kontakte zu Kopten und Insider-Informationen über das multikulturelle und religiöse Leben am Nil dagegen nicht. Röwekamp pflegt bewusst seine Nischen im Reisemarkt. Und privat engagiert er sich mit seiner Frau für das Salam-Zentrum, das die beiden Ägypten-Liebhaber seit langem nicht mehr loslässt. Vielleicht, hoffen sie, stinkt es eines Tages etwas weniger unter der afrikanischen Mittagssonne.







