Andreas Temme ist katholischer Militärseelsorger in Afghanistan
Mit der Waffe in den Gottesdienst
Faizabad. Die Sirene durchdringt schrill die Stille des Camps der Internationalen Schutztruppe (ISAF) in Faizabad im Norden Afghanistans. In der nüchtern und zweckmäßig eingerichteten Kirche warten 15 Männer in Tarnkleidung geduldig auf das Ende des täglichen Probealarms. Es ist 19 Uhr, der Gottesdienst beginnt – diesmal mit Alarm, aber immer ohne Glockengeläut. Man ist sich nicht sicher, wie das in einem islamischen Land ankommt.
von Katharina Ebel (KNA)
Die Soldaten erheben sich, falten die Hände zum Gebet und werden still. Doch ihre Waffen legen sie auch hier nicht ab. Der Pfarrer betet für die Gesundheit der Männer und Frauen im Einsatz sowie für ihre Familien, aber auch für die Zukunft und Sicherheit Afghanistans und der Bewohner. Es ist einer der wenigen Momente der Stille im Camp.
Der Einsatz in Afghanistan stellt die Soldaten vor viele Herausforderungen. Monatelang leben sie von ihren Familien getrennt, mit zwei anderen Kameraden in einem engen Container ohne Privatsphäre. Besonders die große Entfernung zur Heimat und die Ungewissheit über das eigene Schicksal machen den Männern und Frauen im Einsatz zu schaffen, erzählt der katholische Militärseelsorger vom Feldlager Faizabad, Andreas Temme. Er ist seit Anfang Dezember zuständig für das Seelenheil der Soldaten.
Und das ist keine leichte Aufgabe. Viele aus der Mannschaft kommen aus den neuen Bundesländern und sind nicht christlich geprägt. Die Soldaten in Faizabad, ob gläubige Christen oder nicht, schätzen ihren Pfarrer. Irgendwann kommt fast jeder von ihnen an einen Punkt, wo ihn das Heimweh packt, er die Enge im Camp nicht mehr aushält oder ihn die Probleme von zu Hause einholen. Dann ist der Pfarrer da und hört zu. Stundenlang und immer wieder, ohne Blick auf die Uhr.
Temme baut Kontakte auf: mit Geburtstagsbesuchen, Film- und Spieleabenden und natürlich auch Gottesdiensten. Das Thema Tod versucht er zu meiden. „Es ist nicht nützlich, den Soldaten ständig zu erzählen, was passieren kann. Meine Aufgabe ist es, daran zu erinnern, dass wir einen Gott haben, der die Menschen stärkt und unsagbar liebt.“
Für den Kommandeur des Wiederaufbauteams, Oberst Martin Lütje, ist der Pfarrer ein „Ohr an der Truppe“. Auf sein Urteil vertraut er, wenn es darum geht, ob jemand aus persönlichen Gründen nach Hause geschickt werden muss oder nicht. Allerdings verlangt er von einem Pfarrer im Einsatz auch, dass er den Alltag der Soldaten kennt. Dass er die Küche, die Post und die Instandsetzung besucht hat und sogar für ein paar Stunden mit auf Patrouille war. Nur dann könne er ein glaubwürdiger Gesprächspartner sein.
Für Pfarrer Temme ist das ungewohntes Terrain: Am Morgen steht er – ausgerüstet mit kugelsicherer Weste, Helm und Schutzbrille – bereit, um eine Patrouille zu begleiten. Er wirkt etwas unsicher, folgt aber den Soldaten, als sie ihr gepanzertes Fahrzeug auf einer Bergkuppe verlassen. Von den Männern stört sich keiner an der Anwesenheit des Pfarrers. Sie sehen ihn nicht als Belastung, beantworten jede seiner Fragen. Mit seinem Einsatz hat Temme am Ende des Tages einen kleinen Etappensieg auf dem Weg zum Vertrauen errungen.
„Wie viele Straßen auf dieser Welt, sind Straßen voll Tränen und Leid“, ertönt es aus dem Gotteshaus zwischen den Containern am Abend. Diese melancholischen Zeilen des Liedes von Bob Dylan singt der Soldatenchor während des ökumenischen Wortgottesdienstes. Auf Initiative der Soldaten begleitet der Chor jeden Gottesdienst am Sonntagabend, nicht immer allerdings mit Kirchenliedern. Es ist der Gottesdienst der Soldaten, ihre Art zur Ruhe zu kommen.

- Schwere Stiefel unter dem Talar: Als Militärgeistlicher im Auslandseinsatz muss man sich den Gepflogenheiten bei der Truppe anpassen. Wer das Vertrauen der Soldaten gewinnen will, muss möglichst nah dran an ihrem Alltag sein.




