Aktuelle Ausgabe
2012-20

Die Hospizbewegung Geseke denkt auch an die Hinterbliebenen

Mit der Trauer leben

Ein offenes Ohr: Trauberbegleiterin Gabriele Henning-Wrobel im Gespräch mit ­einer Besucherin des Trauercafés. Foto: Berbüsse

Geseke. Es ist laut im Geseker St.-Cyriakus-Pfarrheim. Auch Gelächter ist gelegentlich zu hören. Über zehn ältere Damen und ein Herr unterhalten sich angeregt. Kaffee und Kuchen stehen reichlich auf dem Tisch an diesem Montagabend. Doch was wie ein gewöhnlicher Kaffeeklatsch anmutet, nennt sich in Wirklichkeit „Trauercafé“. Eines der besonderen Angebote der Geseker Hospizbewegung für Angehörige von Verstorbenen.


von Birger Berbüsse

„Noch vor wenigen Monaten wäre es für diese Menschen unvorstellbar gewesen, dass sie so gelöst und fröhlich sein könnten“, sagt Gabriele Henning-Wrobel von der Hospizbewegung. Zweimal im Jahr leitet sie das Trauerseminar, aus dem fast alle der anwesenden Kaffeeklatsch-Gäste stammen. „Als wir mit der Sterbebegleitung anfingen, haben wir schnell gemerkt, dass auch die Angehörigen Unterstützung brauchen“, erinnert sich die erste Vorsitzende Christa Marx, die die Seminare gemeinsam mit Henning-Wrobel hält. Die Hospizbewegung hätte mit dem Angebot der Trauerbegleitung, das 2001 startete, schlichtweg auf den hohen Bedarf reagiert.
Im Schnitt acht Trauernde, hauptsächlich verwitwete Frauen, besuchen die Kurse, die jeweils über zehn Wochen gehen. „Ihnen versuchen wir, möglichst individuell zu helfen“, beschreibt Gabriele Henning-Wrobel die Arbeitsweise. In Stuhlkreisen würde zunächst jeder Teilnehmer seine persönliche Geschichte und seine Gefühle beschreiben. Mit Hilfe von Gesprächen über ihren Alltag solle den Männern und Frauen dann wieder Orientierung gegeben werden. „Denn der Tod eines Angehörigen, ob plötzlich oder vorher absehbar, kann einen völlig aus der Bahn werfen“, weiß Henning-Wrobel. Viele Betroffene würden nur noch in ihrer Wohnung hocken, zu nichts mehr fähig sein. Für diese Menschen sei es wichtig, dass sie eben nicht in ihrem Schmerz und ihrer Trauer verharrten.
„Wir wollen die Trauernden in kleinen Schritten dazu bringen, ihr Leben in Bewegung zu halten“, sagt die ehrenamtliche Trauerbegleiterin. Das sei wörtlich zu verstehen, denn schon ein Spaziergang könne Wunder wirken: „Der wärmende Sonnenschein im Gesicht oder eine bunte Blume am Wegesrand haben schon viele erfreut und ihnen so geholfen.“ Dann führe eins zum anderen, und die Teilnehmer führen plötzlich wieder auf Reisen, suchten sich neue Hobbies und gingen wieder unter die Leute. „Am letzten Kurs-Abend schauen wir dann in lächelnde Gesichter“, berichtet Christa Marx, „und darüber sind auch wir selbst glücklich und dankbar.“
In die Gesichter derer, denen sie im Seminar wieder Perspektiven gegeben haben, blicken Christa Marx und ihre Kollegin jedoch noch länger. Denn seit 2004 bietet die Geseker Hospizbewegung – gewissermaßen als Fortsetzung des Kurses – das „Trauercafé“ an. Immer am ersten Montag des Monats treffen sich die Teilnehmer des vergangenen Kurses im Pfarrsaal der Cyriakus-Gemeinde. „Unser Ziel ist es, den Besuchern eine Möglichkeit zum Austausch und weiterer Trauerbewältigung zu geben“, erklärt Christa Marx. Das sei dann mehr eine lustige als eine traurige Angelegenheit. Edeltraut Kramer (Name von der Redaktion geändert) bestätigt das: „In diesem Raum haben wir so viele Tränen vergossen“, erinnert sie sich, „und nun sitzen wir hier zusammen und lachen gemeinsam.“ Sie würden sich richtig auf die monatlichen Treffen freuen, einfach nur über Alltagsdinge sprechen. Dann überlegt sie kurz und sagt: „Aber genau das braucht die Seele.“


23.05.2012
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