Erfurter Domgemeinde kümmert sich um
Mit dem Tod bloß keine Umstände
Wenn zu Allerseelen die katholischen Christen ihrer Toten gedenken, läuft das einem Trend entgegen: Immer mehr Menschen, auch Christen lassen sich anonym bestatten. Aber ein Gedenken ohne Namen und ohne Grab ist kaum möglich. Die Erfurter Domgemeinde setzt dagegen Zeichen.
von Mathias Holluba
Früher war es einfach: Wer in die Kirche ging, musste unweigerlich an die Verstorbenen denken, denn um und in den alten Kirchen befanden sich häufig Grabstellen. Und die Namen derer, die vor vielen Jahren oder bis vor kurzem zur Gemeinde gehörten, waren stets vor Augen. Heute ist das anders: Friedhöfe liegen längst nicht mehr zentral, oft am Stadtrand. Hinzu kommt ein Trend, der das Gedenken an die Toten nahezu unmöglich macht. Viele Menschen – allein in Berlin fast jeder zweite – werden anonym bestattet: Ihre Urne wird namenlos irgendwo auf einer großen Friedhofswiese vergraben.
In Erfurt hat die Domgemeinde in den vergangenen Jahren drei Projekte gegen diesen Trend entwickelt: ein monatliches Totengedenken, ein Kolumbarium (Urnenbegräbnisstätte) im Seitenschiff einer zur Gemeinde gehörenden Innenstadtkirche sowie die Übernahme der Grabpflege für Verstorbene. Maßgeblich am Zustandekommen dieser Projekte beteiligt, ist der heutige Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke, vorher Dompfarrer in Erfurt.
Bekannt ist er vor allem wegen der Lebenswendefeiern, als Alternative für konfessionslose Jugendliche zur ostdeutschen Jugendweihe, und durch die Gottesdienste am Valentinstag. Hauke hat sich des Totengedenkens vor allem aus einem Grund angenommen: „Ich kann nicht mit dem Gedanken leben, dass Christen namenlos verscharrt werden.“ Immer wieder ist er mit solchen Fällen konfrontiert worden. Ob sich nichtchristliche Angehörige für eine anonyme Bestattung entschieden haben oder der Verstorbene selbst, um den Nachkommen „keine Umstände zu machen“. Allen drei Projekten ist eines gemeinsam: „Sie sollen den Verstorbenen einen Ort und einen Namen geben, um sie aus der Anonymität herauszuholen“, erklärt Hauke.
Den Anfang machte im Jahr 2002 das monatliche Totengedenken, zu dem Christen und Nichtchristen an jedem ersten Freitag im Monat zur Sterbestunde Jesu, um 15 Uhr zunächst in den Dom, heute in die Allerheiligenkirche, in der sich das Kolumbarium befindet, eingeladen sind. Wichtigstes Element dieses Gottesdientes ist die Eintragung der Namen der Verstorbenen in das Totenbuch mit einem kostbaren Einband aus dem 16. Jahrhundert.
Dieses Totenbuch wird zwischen den Gottesdiensten in einer Vitrine im Dom aufbewahrt und ist so öffentlich zugänglich. Hauke: „Anlass für das Entstehen des Totengedenkens waren Berichte von Bestattern, dass vielfach wenige Wochen nach einer anonymen Bestattung die Angehörigen bei ihnen oder auf dem Friedhof nachfragen, wo denn die Bestattung stattgefunden habe. Eine Ortsangabe ist aber bei anonymen Bestattungen nicht möglich.“ Mit dem Totenbuch wurde nun ein Ort des Gedenkens an jene Verstorbenen geschaffen.
Einige Zeit später nahm die Domgemeinde das zweite Projekt in Angriff. Als die zur Gemeinde gehörende Allerheiligenkirche, in der Erfurter Altstadt an einer belebten Einkaufsstraße gelegen, saniert werden musste, entstand die Idee, einen Teil der Kirche als Urnenbegräbisstätte zu nutzen. „Die Allerheiligenkirche ist seit jeher eine Begräbnisstätte gewesen“, erklärt Hauke. In und um die Kirche finden sich zahlreiche Grabstellen. Kirche, Stadt und Land genehmigten den Plan. Im Herbst 2007 wurde die Kirche mit Kolumbarium eröffnet. In der einen Hälfte befinden sich jetzt 630 Plätze für Urnenbestattungen in 15 modernen Stelen aus Stahl, Glas und Muschelkalk. Die andere Hälfte wird für Gottesdienste genutzt. Acht Wochen nach der Eröffnung waren alle Urnenplätze belegt.
Übrigens ist das Kolumbarium auch ein Angebot für Nichtchristen. Jeder Fünfte, der sich für einen solchen Begräbnisplatz angemeldet hat, gehört keiner Kirche an. In Erfurt, einer Stadt mit etwa 75 Prozent Nichtchristen, ist das Kolumbarium so nicht nur eine Stätte des Gedenkens an die Verstorbenen, „sondern auch ein Zeichen des christlichen Glaubens an die Auferstehung“, erklärt der Weihbischof. Auch in anderen Städten wie etwa Marl, Aachen oder Osnabrück gibt es solche Kolumbarien in Kirchen.
Für das dritte Projekt gab wiederum ein konkreter Fall den Anstoß. Im Jahr 2000 hatte sich eine alleinstehende Frau aus der Gemeinde für eine anonyme Bestattung entschieden, weil sie keine Angehörigen hatte, die sich um die Grabpflege hätten kümmern können. Reinhard Hauke nahm daraufhin mit dem Hauptfriedhof der Stadt Kontakt auf und erfuhr, dass alle Institutionen mit einer Lebensdauer von mehr als 20 Jahren Grabstätten erwerben könnten. Daraufhin erwarb die Domgemeinde 88 Urnenbegräbnis- und einige Erdgrabstätten, bei denen sie auch für die Grabpflege sorgt. Das Interesse für diese Gräber ist ebenfalls groß. Als positiver Nebeneffekt entsteht eine Gebetsgemeinschaft, denn immer wenn dort eine Beisetzung stattfindet, werden all, die sich für einen solchen Grabplatz angemeldet haben, darüber informiert.
Die Kirche besteht der Tradition nach nicht nur aus dem pilgernden Gottesvolk auf Erden, sondern auch aus den Heiligen, die schon vollendet in der Gegenwart Gottes leben, und aus jenen, die nach ihrem Tod darauf in der Läuterung warten, erklärt Weihbischof Hauke. Alle drei Gruppen gehören zusammen und treten füreinander ein. Allerseelen macht diesen Zusammenhang insbesondere mit Blick auf die noch auf ihre Vollendung wartenden Verstorbenen deutlich. In der Erfurter Domgemeinde ist das nicht nur Theorie, sondern alltäglicher Glaube.







