Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Weiße Vater Pater Hans Gülle aus Salzkotten lässt sich nicht von Gangstern einschüchtern

Missionar kämpft um Gerechtigkeit

Pater Hans Gülle zeigt die Prozessunterlagen. Derzeit weilt der Missionar auf Heimaturlaub bei seinem Bruder in Salzkotten. Foto: Götte

Tansania/Salzkotten. Pater Hans Gülle hat sich in seinem Einsatzgebiet in Tansania für Gerechtigkeit und gegen Gewalt eingesetzt. Nun werden er und seine Mitbrüder mit Prozessen überzogen. Aber die Weißen Väter kämpfen weiter. 

von Andreas Götte 

48 Jahre lang ist Pater Hans Gülle aus Salzkotten bereits in Tansania als Missionar des Ordens der Afrikamissionare Weiße Väter unterwegs. Er hat die afrikanische Kirche mit aufgebaut, den Dialog zu den Muslimen gesucht und zuletzt für den Bau einer Mädchenschule gesorgt. Doch, dass er zusammen mit zwei weiteren Patres einmal als Mitangeklagter vor Gericht stehen wird, und sogar ein Killer auf ihn angesetzt wird, hätte sich der westfälische Missionar nicht träumen lassen.

Zusammen mit seinen beiden Mitpatres ist er in dem größeren Marktflecken Mabamba ins Visier eines skrupellosen Geschäftsmannes geraten. Gülle spricht von nächtlichen Überfällen durch Männer in Uniformen, vom Einsatz von Handgranaten und Schnellfeuergewehren auf dem Marktplatz. Der Mann habe viel Einfluss in der Region, sagt Gülle. So viel Einfluss und auch Geld, dass sich die Menschen nicht gegen ihn wehren könnten. „Die Leute sprechen in Mabamba schon von zwei Regierungen“, sagt Gülle. 

Pater Gülles Mitbruder aus Spanien wagte es trotz aller Einschüchterungen, öffentlich den Mund aufzumachen. Er brachte den Gangster in einer Predigt direkt in Verbindung mit den vielen Übergriffen – und wurde anschließend von diesem angeklagt, wegen Verleumdung. In zwei weiteren Prozessen stehen auch Pater Gülle und ein weiterer Mitbruder aus Tansania vor dem Kadi. Der Hauptprozess geht mittlerweile ins vierte Jahr. Nach vielen zermürbenden Vertagungen erfolgte im Februar das unerwartete und entsprechend niederschmetternde Urteil. Gülles Mitpater wurde zu einer Geldstrafe von zwei Billionen Schilling verurteilt. Die Strafe wurde auf 330 Millionen reduziert. Der eigentliche Täter wurde freigesprochen. 

„Wir hatten im Gegensatz zur Gegenseite 18 Zeugen aufgeboten“, sagt Pater Gülle und versteht auch Monate später die Welt nicht mehr. Ein Leben lang habe er sich für Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt und werde dann in einen Prozess verwickelt. Und sein Mitbruder habe entgegen aller Erwartungen dann auch noch den Hauptprozess verloren, sagt er und schüttelt den Kopf. Der Richter habe die Fakten verdreht und der Prozessgegner habe die Angelegenheit als Attacke der katholischen Kirche gegen die Muslime darzustellen versucht. 

Doch aufgeben wollen die drei Geistlichen nicht. Sie gehen den Weg der letzten Instanz und werden Berufung gegen das Urteil einlegen. Unterstützt werden sie von Anwälten der Bischofskonferenz in Tansania. Zudem haben sie persönlich einen Brief an den Premierminister übergeben. Pater Gülle möchte gerne den öffentlichen Druck erhöhen. Vor seinem Abflug nach Deutschland hat der Salzkottener noch die Deutsche Botschaft kontaktiert. „Die sollen Einfluss ausüben und auch das Außenministerium informieren“, beschreibt er seine Zielsetzung.

Pater Gülle tauft jährlich in seiner afrikanischen Wahl-Heimat 300 junge Erwachsene und etwa genauso viele Kinder. Und das möchte der Mann mit dem unerschütterlichen Glauben auch weiterhin tun. Noch im Sommer wird er voraussichtlich seinen Heimaturlaub beenden und zurückfliegen. „Ich kann doch meine Mitbrüder nicht im Stich lassen“, betont Gülle. Zudem hätten im Gegensatz zu ihm die Menschen in Mabamba keinen Anwalt. Er wäre froh, wenn mehr Menschen die Prozesskosten mitfinanzieren würden. Neben Spenden übernimmt der Orden den Großteil der Kosten. Vielleicht erfährt der jahrzehntelange Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit dann doch Recht für sich und seine Mitbrüder.

Info

Weltweit zählen die Afrikamissionare Weiße Väter über 1 600 Patres und Brüder. Zum deutschen Sektor gehören rund 150 Patres und Brüder. Wie Pater Gülle sind etwa 60 Mitbrüder im Ausland – zumeist in Afrika – eingesetzt. 90 Mitbrüder arbeiten in Deutschland oder sind im Ruhestand. Vor allem auf dem Schwarzen Kontinent haben sie enormen Zulauf. Nach Einschätzung von Hans Gülle leben in Tansania 20 Prozent Katholiken und 30 Prozent Protestanten und Muslime. Der Rest glaubt an Naturreligionen.


23.05.2012
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