Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Menschen fehlt die Ausdauer

Msgr. Andreas Kurte ist Leiter der Abteilung Pastorales Personal im Generalvikariat Paderborn

von Msgr. Andreas Kurte

Vor längerer Zeit wurde ich auf eine kleine Schrift  mit dem Titel „Bleiben“ aufmerksam. Der Autor zitiert darin unter anderem den Philosophen Blaise Pascal, der einmal schrieb:
„Wenn ich mich zuweilen damit beschäftigt habe, die vielgestaltige Unrast der Menschen zu betrachten, die Gefahren und Mühsale, denen sie sich aussetzen woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne Unternehmungen entstehen, habe ich entdeckt, dass das ganze Unglück der Menschen aus einer einzigen Ursache kommt: Nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können.“
Damit charakterisiert Blaise Pascal die große Schwäche des Menschen: er kann nicht mit Ausdauer bei einer Sache, an einem Ort, bei einem Menschen oder sonst wo bleiben. Ständig brauchen wir etwas Neues, etwas was uns fasziniert und keine Langeweile hervorruft, was für Abwechslung in unserem Leben sorgt. Diese Sehnsucht führt heutzutage vielfach zu einem Stress des immer neu Ausschau Haltens geprägt von der Angst, möglichst nichts zu verpassen.
„Bleiben“ ist ein Grundwort des Johannesevangeliums besonders auch der Abschiedsreden Jesu aus denen wir auch an diesem Sonntag erneut einen Abschnitt hören. Der Text schließt sich direkt an das Bild vom Weinstock und den Rebzweigen an. Jesus möchte seinen Jüngern zum Abschied mit auf den Weg geben: „Bleibt in meiner Liebe“. So nimmt das heutige Evangelium die bei Johannes immer wieder auftauchende Grundmelodie auf, die die christliche Gemeinde ermutigen möchte: Haltet an Jesus fest. Gestaltet euer Leben aus der engen Verbindung mit ihm, so wie er aus der engen Verbindung mit Gott seine Kraft geschöpft hat.
„Bleiben“ hat in unserem Leben eine zentrale Bedeutung. „Bleiben“ hat mit Treue zu tun, mit der Sehnsucht, eine Sache oder einen Menschen halten zu wollen. Wen ich schätze, den ermutige ich doch noch ein wenig zu bleiben. Hinter dem „bleib doch„  steckt aber auch die Angst vor der Einsamkeit.
So steht unser Leben in der Spannung einerseits in der Suche nach etwas Neuem andererseits aber auch in der Sehnsucht nach Stabilität.
Der Volksmund sagt: Aller Anfang ist schwer. Das Leben zeigt: schwerer ist das „Bleiben“. Die Aufforderung Jesu an seine Jünger zum „Bleiben“ verbindet er mit seiner zentralen Botschaft: Bleibt in meiner Liebe! Und damit ist die Liebe zu Gott gemeint, die wiederum in die Liebe zum Nächsten mündet. Jesus weiß um die Unbeständigkeit des Menschen und damit um die große Herausforderung sowohl in der Liebe zu Gott als auch in der Liebe zum Nächsten zu bleiben.
Heute erlebe ich immer wieder Menschen, die voller Begeisterung von Katholikentagen oder von Weltjugendtagen nach Hause kommen. Aber die Begeisterung weicht schnell dem Alltag und der Normalität. Das heutige Evangelium stellt mich vor die Frage: Wie kann es mir gelingen, dass ich die Freude und die Stärke des Glaubens nicht nur punktuell erfahre? Wie kann der christliche Glaube für mich eine Handlungsmaxime werden, der sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht – eben etwas was bleibt? Für mich gehört dazu das regelmäßige Gebet und die Feier der Hl. Messe aber auch das Hinschauen, wo ich mit meinen Kräften und Fähigkeiten gebraucht werde um das Gebot der Liebe zum Nächsten zu verwirklichen. Bleiben bedarf eines ständig neuen Einübens.
Wenn wir in den Tagen vor Pfingsten in der Pfingstnovene um den lebendigen Geist Gottes bitten, dann beinhaltet das für mich auch die Bitte um den Mut zu bleiben. Mich ermutigen dabei auch viele Christen, die täglich dieses „in Gott bleiben“ leben und das ganz selbstverständlich da wo Gott sie hingestellt hat.


23.05.2012
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