Guatemalas Bischof kämpft gegen Armut und Unterdrückung
Menschen befreien

- Mit der Präsentation von fair gehandeltem Kaffee eröffneten Bischof Ramazzini (links) und Misereor-Chef Josef Sayer (rechts) im Februar diesen Jahres die aktuelle Aktion des Hilfswerkes für 2008 in Bamberg.Foto: kna
„Das Leben in diesem Land ist nichts wert.” Der das sagt, setzt sich dennoch unerschrocken von Drohungen gegen sein eigenes Leben für das Leben seiner Mitmenschen ein. Alvaro Ramazzini Imeri, Bischof von San Marcos im Westen Guatemalas, lässt sich auch durch die Morddrohungen, die er Anfang April erhielt, nicht mundtot machen.
Das Bibelwort „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“, könnte der Leitspruch des Bischofs aus Mittelamerika sein, dem die Todesdrohungen jetzt galten.
Bischof Ramazzini ist kein Unbekannter. Sein unermüdliches Eintreten für die Menschenrechte in dem zentralamerikanischen Staat mit gerade 13 Millionen Einwohnern haben ihn schon vor Jahren zur Zielscheibe mächtiger Interessengruppen gemacht. So passt den multinationalen Bergbaugesellschaften, die sich ohne Rücksicht auf die Gesundheit, Sicherheit und Interessen der örtlichen Bevölkerung am Gold- und Silberabbau bereichern, die teils scharfe Kritik des Bischofs nicht. Auch lokale Behörden und jene, die in den Minen Arbeit finden, sind von den kritischen Äußerungen des Bischofs nicht angetan. Der fordert statt der jetzigen Zustände „einen integralen Entwicklungsplan, der die Menschen der Region San Marcos aus dem Würgegriff der Armut befreit. Die politisch Verantwortlichen müssen begreifen, dass der Erzabbau nicht die oberste Option der Bürger ist.“Dies umso mehr, wenn wirtschaftliche Interessen mit Gewalt durchgedrückt werden.
Die jüngste Todesdrohung überaschte ihn dennoch, „weil ich seit zwei Jahren keine Drohungen mehr erhalten habe“. Eine Ordensfrau sei von einem Fahrzeug aus mit einer Pistole bedroht worden. Sie solle dem Bischof ausrichten, dass seine Tage gezählt seien. „Im Hintergrund könnte gestanden haben, dass ich in der Karwoche bei einem Kreuzweg verschiedene Probleme angesprochen haben, die ich für höchst besorgniserregend halte: die Zunahme von Entführungen und Erpressungen – und vor allem das schlimme Problem des Drogenhandels, der stark zugenommen hat und in den viele Jugendliche verwickelt sind“, sucht Ramazzini nach einer Erklärung.
Er versteht die Drohung als Einschüchterungsversuch. „Wenn sie wirklich etwas gegen mich unternehmen wollten, dann hätten sie das ohne vorherige Ankündigung getan. Doch damit erreichen sie nur, dass wir unseren Weg noch entschiedener weitergehen und unserer Grundoption für die Armen und dem Kampf für Gerechtigkeit und Wahrheit treu bleiben.“
Die Gewalt in Guatemala, die zuletzt landesweit 14 Morde pro Tag gefordert hat, „zwingt das Land in die Knie“, sagt Ramazzini. Entführungen, Lynchjustiz, Auftragsmorde und innerfamiliräre Gewalt – auch eine Folge der Armut –, so sieht der Alltag im Maya-Staat aus. Deshalb verlangt Bischof Ramazzini „dringend ein Gesetz, das den Waffenbesitz reglementiert. So viele Menschen tragen ihre Waffen offen zur Schau und schüchtern damit die Bürger ein.“
Unermüdlich wiederholt der Oberhirte von San Marcos seine Kritik am Unrechtsstaat. Leider sei es den „Narcos“, den Drogenkartellen, gelungen, sich auch in den staatlichen Strukturen einzunisten. Das ganze System, von der Polizei bis zu den Richtern müsse gereinigt werden, fordert er.
Und behält sich „die Freiheit vor, Übel anzuklagen.“ So versteht der christliche Menschenrechtsaktivist Ramazzini seinen Auftrag: „Es kann keine authentische Evangelisierung geben, wenn nicht die ganzheitliche Förderung des Menschen und seine Befreiung dazugehören. Und ich werde immer auf der Seite der Armen und Ausgegrenzten sein.“
Dieses Eintreten provoziert. In einem Staat, wo jeder das Gesetz in die eigene Hand nimmt, ist das gefährlich. Dennoch reagierte Ramazzini nach aussen weit gelassener als die örtlichen Menschenrechtsaktvisten, die die Drohung sehr ernst nahmen und eine internationale Solidaritaätskampagne starteten. Natürlich wurden auf Anraten der Bischofskonferenz Vorkehrungen getroffen. Er werde immer von jemandem begleitet. Dennoch glaubt Ramazzini mehr an einen Denkzettel. Auch die, die ihn bedrohen, wüssten sehr genau, was sie riskierten, angesichts der weltweiten Solidaritätsbekundungen, für die er sehr dankbar ist.
Durch Protestaktionen, Briefe, Schreiben an die Regierung sowie durch öffentliche Bekanntmachungen habe er viel Unterstützung erhalten, sagt Ramazzini. Und er bedankt sich für die Unterstützung durch die deutschen Hilfswerke wie Misereor oder Adveniat, „die sich in unseren Anliegen an offizielle Stellen in Deutschland gewandt haben“.
Brigitte Schmitt, katholische
Korrespondentin aus Mexiko






