Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Lebende für Tote

 2006 wurden zwei israelische Soldaten durch ein Terrorkommando der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah entführt. Sie wollten fünf in Israel verurteilte Gesinnungsgenossen freipressen. Einer von ihnen ist der fünffache Mörder Samir Kuntar, der unter anderem die Ermordung eines vierjährigen Mädchens auf dem Gewissen hat. Jetzt wurden die Gefangenen gegen die sterblichen Überreste der zwei Entführten ausgetauscht.

Tote Geiseln sind nichts wert. Erst wenn die Situation der Geiselnehmer aussichtlos erscheint, töten sie ihre Geiseln. Deutschland erinnert sich an den spektakulären Fall der Entführung und Tötung von Hanns-Martin Schleyer vor über 30 Jahren durch die damalige „Rote Armee Fraktion (RAF)“.
Doch bei dem makaberen Geschäft, das nur schwerlich als „Gefangenenaustauch“ bezeichnet werden kann, zählten auch die sterblichen Überreste der Toten. Nach Presseberichten hatten die Geiselnehmer bis zum Schluss die Hoffnung genährt, dass die Geiseln noch am Leben sein könnten. Ein, für den nach christlichen Maßstäben ausgerichteten westlichen Beobachter, völliger Werteverlust war dann bei der Siegesfeier zum Empfang des freigepressten Kindermörders in seiner libanesischen Heimat zu beobachten. Die Massenaufläufe mit Siegesposen zeigen ein Schauspiel, das sich nur durch blanken Fanatismus erklären lässt, dem jegliches Denken über die eigene Engstirnigkeit hinaus abhanden gekommen ist. Eine nach unseren Maßstäben blamable Selbstdarstellung eines Volkes.
Mit Menschen dieser Geisteshaltung gibt es wenig Hoffnung auf ein konstruktives Gespräch oder gar auf eine  Zusammenarbeit. Es handelt sich um blinde Mörder und ihre Unterstützer, die die Freipressung eines Kindermörders für einen Sieg halten.
Gerd Vieler (51)
ist Chef vom Dienst des Dom


23.05.2012
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