Gedanken zum Evangelium
Maria auf dem Betschemel
Nur wer betet und das Wort Gottes meditiert, kann den Willen Gottes für sein Leben ergründen. So deutet Marc Retterat, Vikar in Bielefeld-Schildesche, das Evangelium von der Verkündigung des Engels an Maria.
von Marc Retterath
Nach meiner Erstkommunion 1977 in Bonn bin ich Messdiener geworden. Die Gruppe der „Neuen” leitete der Kaplan, und vor Weihnachten überraschte er uns mit der Ankündigung, einen Ausflug zum Kölner Dom zu machen. Drei Sachen sind mir von dieser Fahrt in Erinnerung geblieben: Die riesigen Dimensionen des Domes. Dann natürlich der Schrein der Drei Könige. Und ein Bild. Da wir in der Adventszeit waren, war der berühmte Altar der Kölner Stadtpatrone von Stephan Lochner geschlossen. Man sah die Verkündigungszene: Rechts der Engel Gabriel, links Maria auf einem Betschemel kniend. Kniebänke kannte ich bis dahin nur aus der Kirche. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man so etwas auch zu Hause haben könnte. Dieses Gemälde hat mich beeindruckt. Später, als Jugendlicher, fand ich die Darstellung übertrieben. Maria wird so dargestellt, dass sie natürlich betet, wenn der Engel eintritt, obwohl das Evangelium nichts davon berichtet.
Heute halte ich diese Tatsache, die betende Maria, für wesentlich. Doch fragen wir zunächst: Was ist eigentlich das Besondere an dieser Szene? Betrachten wir sie einmal im Vergleich zur Verkündigung an Zacharias wenige Verse vorher. Bei Maria ist manches anders. Natürlich, sie soll den Sohn Gottes gebären, das ist sicher der entscheidende Unterschied. Aber das meine ich hier nicht, es geht mir mehr um scheinbare Nebensächlichkeiten. So der offensichtlich vertraute Umgang Mariens mit dem Engel. Maria erschrak nicht über sein Erscheinen (wohl über seine verheißungsvolle Anrede). Zacharias, den Priester, überkamen dagegen Furcht und Schrecken. Maria verlangte auch keinen Beweis für die eigentlich unglaubliche Ankündigung Gabriels, sie werde den Sohn Gottes gebären; sie fragte nur, wie das geschehen werde. Zacharias forderte dagegen sofort handfeste Beweise: Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist? Für diesen seinen Unglauben wurde er dann ja auch mit zeitweiser Sprachlosigkeit bestraft. Maria glaubte dem Engel und damit Gott; ihre Verwandte Elisabeth war die erste, welche die Tragweite dieses Glaubens erkannte: Selig ist die, die glaubte, was der Herr ihr sagen ließ. Aus ihrem tiefen Glauben heraus konnte Maria ihr großes fiat sprechen: Mir geschehe, wie du es gesagt hast.
Hat aber die beschriebene Szene neben ihrer unüberbietbaren heilsgeschichtlichen Relevanz noch etwas, was wir für unseren Alltag mitnehmen können? Ich denke, ja! Auch heute noch möchte Gott, dass wir seinen Willen erfüllen. Wie erkennen wir diesen aber? Ich bin davon überzeugt, dass er auch heute noch Engel sendet. Doch damit tut sich die nächste Frage auf: Wie können wir die Geister unterscheiden, das heißt, wie beurteilen wir, was von Gott kommt und was vielleicht eine Einflüsterung des Widersachers sein könnte? Wie bemerken wir, dass ein Engel eintritt? Haben wir eine Antenne dafür? Und was machen wir, wenn die Botschaft uns so unglaublich vorkommt wie für Zacharias und Maria? Ich denke, an dieser Stelle kommt der Betschemel ins Spiel, auch wenn er nicht im Evangelium erwähnt wird. Denn nur ein wahrhaft betender Mensch kann, ähnlich wie Maria, ein Gespür entwickeln für die Botschaften und Botschafter Gottes. Er wird versuchen, meditierend den Willen Gottes zu ergründen, und dann seinem Gewissen folgen. Er wird mit der Zeit immer mehr die Fähigkeit entwickeln, auch scheinbar Unglaubliches, vielleicht auf den ersten Blick Widersprüchliches oder Unsinniges, als gottgewollt zu erkennen. Und mit Gottes Hilfe wird er hoffentlich auch an den entscheidenden Stellen sein fiat sprechen können.







