Unterwegs mit Thomas Hilgers vom ambulanten Pflegedienst der Caritas Soest
„Man lebt mit den Menschen“
Dunkle Wolken hängen an diesem Nachmittag über Soest. Es nieselt seit Stunden. Doch als Thomas Hilgers in seinen kleinen, feuerroten Dienstwagen steigt, ist er bester Laune. Wenn andere längst Feierabend haben, fängt für ihn der Spätdienst bei der Caritas-Sozialstation Soest erst an. Dem 53-Jährigen macht das nichts aus; nach 25 Berufsjahren bei der Caritas ist ihm der Schichtdienst längst in Fleisch und Blut übergegangen. Selbst das miese Wetter lässt ihn unbeeindruckt. Hilgers ist eine Frohnatur. Das macht ihn nicht nur bei den Patienten so beliebt, das hilft ihm auch, mit den Belastungen eines Berufes fertig zu werden, für den man geschaffen sein muss.
von Kay Müller
Hilgers, den sie alle nur Thomas nennen, kramt einen DIN-A4-Zettel aus der Ablage. Sein Einsatzplan für heute. In kleinen Spalten ist aufgeschrieben, welche Patienten aufgesucht werden müssen, welche Pflege zu erbringen ist, und wie viel Zeit pro Einsatz ungefähr einzurechnen ist. Ein flüchtiger Blick auf das Papier reicht aus: „Die Tour fährt man immer in der gleichen Reihenfolge“, sagt er. Die Patienten seien es gewohnt, stets zur gleichen Zeit Besuch von der Caritas zu bekommen. Die Pflege strukturiert ihren Tag.
Erste Station: Medikamentengabe bei einer älteren Dame. Klingeln, rein ins Treppenhaus, ein kurzes Hallo, Tabletten zurechtlegen, Pflegedokumentation ausfüllen, noch ein kurzes Schwätzchen, dann geht es auch schon zurück zum Auto. Der Laie staunt: Nach gut drei Minuten gibt Hilgers schon wieder Gas. Sein Zeitplan ist eng: Zwischen rund neun und 16 Euro bekommt die Caritas für eine solche Behandlungspflege vergütet. „Wenn man überlegt, dass eine examinierte Pflegekraft etwa 40 Euro pro Stunde kostet, ahnt man, dass sich das nicht rechnet“, erklärt Kirsten Müller-Wege, Leiterin der Sozialstation Soest. Um wettbewerbsfähig zu sein, bleibt den knapp 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern also gar nichts anderes übrig, als ordentlich aufs Tempo zu drücken. Insgesamt betreuen sie derzeit 150 Patienten in Soest und Umgebung. Der jüngste ist 15 Monate alt, die älteste Patientin 102. „Der Bedarf an häuslicher Pflege steigt“, so Müller-Wege. Das liege zum einen an der nachlassenden Familienbindung: „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Angehörige im Haus sind.“ Zudem würden Pflegeleistungen immer früher in Anspruch genommen.
Thomas Hilgers lenkt den roten Ford in Richtung Lippetal. Felder und Wiesen rauschen vorbei. Hier, in den Dörfern nördlich von Soest, wohnen die meisten seiner Patienten. Es ist eine ländliche Region mit bodenständigen Menschen. Hilgers mag das. „Das Schöne an dem Beruf ist die Bezugspflege“, erzählt er zwischen zwei Insulingaben: Während man es im Krankenhaus mit ständig wechselnden Patienten zu tun habe, sei die ambulante Pflege noch echte Beziehungsarbeit: „Da, wo ich seit Jahren ein und aus gehe, gehöre ich schon fast zur Familie. Man lebt mit den Menschen.“ Auch außerhalb seiner Dienstzeit hat er schon so manchen Geburtstags- oder Krankenbesuch unternommen.
Doch mit den Menschen zu leben, heißt oft auch mit ihnen zu leiden. So wie im Fall einer 74-jährigen Frau, die durch eine seltene Nervenkrankheit sprach- und bewegungsunfähig wurde. Ihr Mann kümmert sich seit 15 Jahren aufopferungsvoll um sie, der Pflegeaufwand ist enorm. Eine Heimunterbringung kam für ihn trotzdem nie in Frage. „So lange es geht, bleibt meine Frau hier“, sagt er beinahe beleidigt.
Thomas Hilgers kennt das Paar seit vielen Jahren. Es imponiert ihm, wie solche Menschen ihr Schicksal meistern. Doch er hat nicht nur die schweren Fälle auf seiner Liste; manche seiner Patienten kommen trotz ihres hohen Alters gut zurecht. So wie die rüstige Dame, die mit Mitte achtzig tagsüber noch im eigenen Geschäft steht, aber nach Feierabend Hilfe beim Ausziehen ihrer Kompressionsstrümpfe benötigt.
Viele der hochbetagten Patienten sind tief religiös. Kruzifixe gehören in ihren Wohnstuben noch selbstverständlich zur Einrichtung. Der Kirchgang ist oft der letzte Pflichttermin, für den die alten Leute noch das Haus verlassen. „Da werde ich dann auch schon mal ermahnt, im Frühdienst auch ja nicht zu spät zu kommen, damit man sich noch ordentlich für die Messe zurechtmachen kann“, schmunzelt Hilgers.
Auch wenn die Uhr im Hintergrund unbarmherzig tickt, hat der Mann von der Caritas für jeden ein freundliches Wort. Ein kurzer Plausch über das Wetter, den Ehec-Erreger oder den Kachelmann-Prozess muss drin sein, auch wenn er dabei oft schon wieder im Türrahmen steht.
Dass der Druck in der ambulanten Pflege steigt, merkt auch Thomas Hilgers: „Die persönliche Belastung ist höher als im Krankenhaus“, sagt er. Allein die Schreibarbeit: „Als ich angefangen habe, gab es ein DIN-A4-Blatt für drei Monate. Heute gibt es für jeden Patienten eine dicke Mappe“, sagt er und deutet auf die Pflegedokumentation, in die jeder Handschlag penibel eingetragen werden muss.
Kurz vor neun ist es inzwischen. Hilgers steuert die letzte Adresse an. Der Regen lässt jetzt nach. Die gute Laune des Pflegers nicht. 16 Patienten hat er heute versorgt, und wer ihn zum ersten Mal auf seiner Tour begleitet, kann sich beim letzen kaum noch an den ersten erinnern. „Ich zähle nicht mit“, sagt er achselzuckend, „für mich ist nur der einzelne Patient wichtig.“
In 25 Berufsjahren hat der engagierte Pfleger seine eigenen Strategien entwickelt, um Stress auszublenden. Hat er nie bereut, den Beruf gewählt zu haben? „Keine Sekunde. Für mich war immer klar, dass ich das mache.“ Wer sieht, mit wie viel Herzlichkeit Hilgers den täglichen Balanceakt zwischen Zeitdruck und Zuwendung meistert, glaubt ihm das aufs Wort.







