Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evagenlium

Lässt sich Gottvertrauen erlernen?

Diether Wegener ist Ständiger Diakon und Ansprechpartner der Gemeinde St. Marien in 32832 Augustdorf

von Diether Wegener

Kennen Sie das auch? Gerade noch schien alles in bester Ordnung zu sein, doch plötzlich ist von einem Moment auf den anderen alles ganz anders. Der Boden unter den Füßen scheint zu schwanken und man hat das Gefühl, den Halt zu verlieren. Die Welt bewegt sich offensichtlich weiter wie bisher, doch selbst ist man unversehens in einen nie gekannten Lebensstrudel geraten. Und was diese Situation oft noch verschärft, ist nicht selten das Gefühl, dass Gott abwesend zu sein scheint.
Solche Erfahrungen können sowohl den Einzelnen, als auch Institutionen bis an den Rand der Verzweiflung führen. Grundfragen tauchen auf: Kann man dem Leben noch trauen, wenn es gleichsam wie ein Schiff auf tobender See sich selbst überlassen zu sein scheint?
Passend zum heutigen Evangelium habe ich ein Bild gefunden. Es ist mir irgendwie zugefallen. Bei dem Bild vom Sturm auf dem Meer handelt es sich um eine mittelalterliche Buchmalerei aus dem Hitda-Codex, einem Evangelienbuch, das zwischen 1000 und 1035 für das Stift St. Walburga in Meschede angefertigt wurde. Es ist das Zeugnis eines malenden Theologen, der seinen Glauben beeindruckend ins Bild gesetzt hat. Das ausdrucksstarke, expressive Bild lässt den Betrachter nicht unberührt. Bilder sind oft stärker als Worte. Zusammengekauert auf kleinstem Raum, wie in einer Nussschale, erblicken wir die Jünger Jesu. Lähmende Angst, Ratlosigkeit und blankes Entsetzen steht in ihren Gesichtern geschrieben. Wer hätte das von den Freunden Jesu erwartet? Das Schiff, in dem die kleine Gemeinschaft sitzt, hat die Orientierung verloren, droht mit rasender Geschwindigkeit im Abgrund zu versinken. Das Boot hat sich in ein Ungeheuer verwandelt. Und das Segel, das aussieht wie eine Schwanzflosse, flattert als zerrissener Fetzen im tosenden Sturm und ist für die Manövrierung nicht mehr zu gebrauchen. Auch die Ruder ragen bewegungslos ins Leere. Die Freunde im Boot hat Panik ergriffen. Doch wenn wir genau hinsehen, erblicken wir exakt in der Mitte des Bildes einen Jünger, der sich in diesem dramatischen Geschehen anders verhält. Er hat es geschafft sich umzudrehen, blickt Halt suchend zum Herrn. Vermutlich handelt es sich um Johannes, der wie kein anderer ein ganz besonderes Verhältnis zu Jesus hatte. Eine Hand hat er ausgestreckt und berührt den schlafenden Jesus an der Schulter. Will er sich an ihm festhalten oder ihn aufwecken? Dass Jesus in einem solchen Sturm, wo alles auf dem Spiel steht und verloren zu sein scheint, schläft, ist auf den ersten Blick eigenartig. Könnte sein Schlaf vielleicht ein Fingerzeig sein? Was will er uns sagen? – „Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Der Herr ist dein Hüter, der Herr […] steht dir zur Seite.“ heißt es im Psalm 121. Der Psalmvers scheint ein Schlüssel zu sein, um zu verstehen. Es ist ein starkes, beneidenswertes Vertrauen, aus dem Jesus lebt und in dem er innerlich ruht. Er lädt uns ein, es ihm gleich zu tun, nicht den Mut zu verlieren. Können wir das lernen, dieses Vertrauen, dass Gott auch in den Unwettern des Lebens bei uns ist? Gibt es Möglichkeiten, sich dem göttlichen Kraftfeld zu öffnen? Der Jün-ger in der Mitte des Bildes, der sich Christus zuwendet, macht es uns vor.
„O Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen“, beten wir zu Beginn des Stundengebetes. Mögen wir erfahren, dass wir in dem Auf und Ab des Lebens nicht allein sind. Mögen wir erfahren, dass Er wie er versprochen hat, als Ruhepol mit uns im Boot sitzt, uns auf der Fahrt durch die Zeit begleitet und die Dämonen unserer Angst und unserer Ruhelosigkeit zähmt. Mögen wir Vertrauen fassen und möge Frieden in unsere Herzen einziehen.
„Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner [unser].“


23.05.2012
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