Ein Minister und die Macht der Politiker
„Kungelei geht nicht lange gut“
Düsseldorf. Die Mächtigen seiner Kindheit, da muss Karl-Josef Laumann nicht lange nachdenken, das waren der Bürgermeister, der Pastor, der Baron vom nahen Gut. Das war klar geregelt und das war, wie er sich heute erinnert, auch nie Anlass zu Kritik. Die Mächtigen heute, da muss der nordrhein-westfälische CDU-Minister ein wenig nachdenken, das mögen sicher auch Politiker sein. Doch dass sie heute noch ihre Macht so missbrauchen können, wie die Reichen zu Jesu Zeit, das bezweifelt er aber.
von Christian Schlichter
„Macht“, das ist für Laumann, den Schlosser aus dem westfälischen Riesenbeck, der nun als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales zur NRW-Regierung gehört, kein entscheidendes Wort. „Autoritäten“, das entspricht mehr seiner Weltsicht. Macht hatten Bürgermeister und Pastor seiner Kindheit nicht unbedingt. Aber man hörte auf sie. Auf die Kirche übrigens immer ein wenig mehr. Was der Pastor im Münsterland, sagte galt als wichtiger als das, was der Staat sagte.
Mit wirklich dominierender Macht hatte es Laumann dann auch später in seiner Lehre als Maschinenschlosser nicht zu tun. Der Lehrmeister sei geduldig und verständnisvoll gewesen. „Ich kann aber auch gut damit leben, dass es einen Chef gibt“, hat sich der heute 52-Jährige jeweils schnell mit bestimmten Gegebenheiten abgefunden. Zumal er immer dort gearbeitet und gelebt habe, wo das Wort Macht vielfach ersetzt worden sei durch Achtung. Autorität sei schon im Elternhaus normal gewesen. Im Umgang von oben und unten habe es bei allen Unterschieden aber immer diese Achtung gegeben. Für Laumann war und ist das ein Stück christlicher Menschenwürde.
Dass die Mächtigen ihre Macht missbrauchen, für den Sozialpolitiker ist das durchaus im Bereich des Möglichen. „Aber eine moderne demokratisch kontrollierte Macht ist doch eine andere, als die zu Zeiten Jesu“, vergleicht er die Mächtigen aus dem Evangelium mit den heutigen Politikern. Macht lasse sich ja auch nicht planen. Im Berufsleben werde zwar eine Karriere auf dem Reißbrett entworfen, aber für einen Politiker gelte das nicht. „Das kommt doch immer ganz anders“, weiß Laumann. Und erinnert sich an das Jahr 1990, als er erstmals als Abgeordneter in den Bundestag einzog. Da habe er gedacht „Jetzt bist du ein mächtiger Mann“. Um dann aber auch schnell feststellen zu müssen, dass ein Abgeordneter allein nichts erreichen könne. „Man braucht immer eine Mehrheit und muss dafür auch Kompromisse eingehen“, beschreibt er das parlamentarische Geschäft.
Jetzt, als Minister, sei das vielleicht in manchen Dingen anders. „Wenn ich hier sage, das ist so, dann ist das auch so“, weiß Laumann. „Aber das muss man sich alles gut überlegen“, schiebt er sofort nach. „Denn wir sind ja hier keine Bananenrepublik“. Macht sei in seinem Amt vielmehr etwas, das als Darlehen von den Bürgern gegeben sei. Sicher verlangten diese dann auch, dass eine Regierung oder Partei ihre Vorstellungen auch umsetze. Aber Kungelei oder Missbrauch, das gehe doch nicht lange gut. „Eine Regierung fängt dann an abzuwirtschaften, wenn sie ihre Entscheidungen mit der Macht begründet“, hält er deshalb in bestimmten Abständen den Wechsel für notwendig im politischen Geschäft. Denn wenn die Macht zu lange auf einer Seite sei, dann verselbstständige sie sich. Dabei sei Macht an sich nichts Schlechtes, sie müsse nur demokratisch kontrolliert sein.
Angst vor den Versuchungen der Macht hat Laumann nicht unbedingt. Eher Respekt. „Als ich zum ersten Mal das Ministerium betreten habe, habe ich zu mir gesagt: Karl-Josef, sieh zu, dass du anständig hier wieder raus kommst.“ Anständig, das wäre für Laumann eine politische Abwahl. Anständig könne durchaus auch sein, politische Verantwortung zu übernehmen. Ein Skandal oder ein Fehlverhalten aber sei etwas anders. Scheitern könne dann der, der sich bereichere oder trickse. „Dann bist du weg, aber das zu Recht“ sagt Laumann. Wer das ignoriere, der müsse sich fragen, ob er noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehe.
Bodenhaftung, das ist eine der Vorkehrungen die Laumann für sich getroffen hat. Am Wochenende als ganz normaler Bürger in der Bauerschaft Birgte bei Riesenbeck. Aber besonders sonntags. „Es ist gut, wenn ein Politiker in die Kirche geht“, sagt er. Denn dort werde auch der Mächtige mit dem Evangelium konfrontiert. Was ihm persönlich ein Gottesdienstbesuch bringe, das liege eben nicht nur am Pfarrer, das liege auch an einem selbst. Denn in der Kirche lasse es sich lernen, dass selbst der Herrscher seine Knie vor einem anderen, höheren zu beugen habe.
Die Dinge so zurechtzurücken, das merkt Laumann, wenn er mit dem Dienstwagen („das ist sicher so eines der Machtsymbol“) vorfährt. „Dann stehen sie da alle und warten auf einen, erzählt der Minister. „Aber die stehen da ja nicht, wegen des Laumanns, sondern weil ich den Staat repräsentiere“, relativiert er ganz schnell. Auch ein Minister müsse immer daran denken, dass nicht er es sei, sondern das Amt, das ihn wichtig und mächtig mache. Und er dürfe nie vergessen, dass „es der schöne demokratische Rechtsstaat sei“, auf dem all diese Macht aufgebaut sei. Ein wenig Demut, das reiche schon. Für Karl-Josef Laumann eine lebenswerte christliche Tugend. Die Politikern auch gut zu Gesichte stehe. So wie es im Evangelium sei. Wo der Menschensohn eben auch nicht gekommen sei, um sich dienen zu lassen.







