Gedanken zum Evangelium
Kritik will gelernt sein
„Man sollte dem Anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.“ Auf dieses Zitat des Schweizer Autors Max Frisch baut Ludger Hojenski, Leiter des Pastoralverbundes Wickede-Asseln, seine Auslegung des Evangeliums auf.
von Ludger Hojenski
Das Zitat habe ich auf einem Bild unter der Überschrift „Seelsorge“ gelesen. Viele Jahre ist das her – ich saß als Jugendlicher im Arbeitszimmer meines damaligen Heimatpfarrers, als mir dieses Bild ins Auge fiel. Dem Anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten: Das ist leichter gesagt als getan.
Im Zusammenhang des Sonntagsevangeliums geht es um das wahrhaftig sein: aufrecht, ehrlich, frei von Sünde. Dabei ist der Begriff der Sünde seit vielen Jahren einem schwerwiegenden Bedeutungswechsel ausgesetzt. Einen anderen Menschen oder gar mich selbst als Sünder zu bezeichnen, das fällt schwer. Unser Evangelium gibt sehr eindeutige Weisungen im Blick auf den Umgang mit der Sünde. Das Ziel dabei ist, dass der, der gesündigt hat, zurück gewonnen wird. Denn es gilt: Sünde sondert aus. Wer sündigt, verletzt seine Beziehung zu Gott, zu den Menschen und auch zur Gemeinschaft der Glaubenden.
Jesus baut in seiner Lehre zunächst auf dem mosaischen Gesetz auf (siehe Lev 19,17), das die Zurechtweisung des Schuldiggewordenen unter vier Augen benennt. Jesus lehrt seine Jünger einen dreifachen Weg, um den Sünder zurückzuholen. Der erste Schritt ist eben dieses persönliche Gespräch unter vier Augen. Wenn dieser Schritt nicht fruchtet, dann soll es zu einer Besprechung im kleinen Kreis kommen. Erst wenn auch der zweite Schritt scheitert, dann ist die ganze Gemeinde gefragt – die letzte Konsequenz ist es, wenn der Sünder uneinsichtig bleibt – ihn auszuschließen. Letztlich ist das dann, auch wenn er es vielleicht selbst so nicht sieht und versteht, Konsequenz seiner eigenen Haltung. Als Einzelne, als Gemeinde und als gesamte Kirche sind wir herausgefordert, unseren Umgang mit der Wahrheit ständig kritisch anzuschauen.
In der Kritik am Anderen sind im jesuanischen Sinn zwei Dinge entscheidend: Das Erste ist die eigene Position, aus der heraus ich diese Kritik übe. Wenn ich mich gerade wegen seiner Schuld über den andern erheben will, gehe ich mit ihm nicht mehr brüderlich oder geschwisterlich um. Dann verliere ich die Augenhöhe und werde auch dem Anspruch des Evangeliums nicht gerecht. Als Zweites sind ebenso meine Absicht und mein Ziel, Kritik zu üben, ausschlaggebend. Kritik und Zurechtweisung sollen zur Einsicht und damit zur Umkehr bewegen. Sie sollen in die Gemeinschaft zurückführen, nicht ausschließen, sondern integrieren. Nicht unwichtig ist es, dass diese Kritik geübt werden muss. Wenn ich mich der Kritik entziehe, mache ich mich unter Umständen durch mein Nicht-Handeln mitschuldig.







