Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zur zweiten Lesung

Kraftlos! Und nun?

Ullrich Auffenberg, Geistl. Rektor der Bildungsstätte St. Bonifatius, Bonifatiusweg 1, 59955 Winterberg

Zur Ruhe kommt nur, wer die Verbindung mit Gott in seiner eigenen Seele, seinem Selbst entdeckt. So interpretiert Ullrich Auffenberg, Geistlicher Leiter der Bildungsstätte Elkeringhausen, den Apostel Paulus.

von Ullrich Auffenberg

„Ich bin am Ende meiner Kräfte, fühle mich erschöpft und ausgebrannt. Solche und ähnliche Aussagen sind Inhalt vieler Gespräche. Menschen kommen von ihren Lebenskampforten und suchen Räume des Abschaltens und Orte, um neue Kraft zu schöpfen. Sie sind getrieben von inneren Ansprüchen und Stressauslösern, die heißen: „Du müsstest eigentlich!  Du solltest doch! Du bist nicht gut genug! “ Andere unterliegen dem Mobbing im Betrieb, einem immer höher werdenen Arbeitstempo oder mannigfachen Beziehungsproblemen.
Es scheint mir, als erginge es vielen von uns Menschen wie jenen Insekten, die nur zweidimensional empfinden können. Sie haben keinen Sinn für die Dimension der Höhe. Sperrt man sie mit vier Streichhölzern in ein Quadrat ein, dann laufen sie sich in ihrem kleinen Gefängnis zu Tode. Sie kommen nicht auf die Idee, die Grenze zu überspringen. Auch die Seele eines Menschen kann sich schnell zu Tode rennen im zweidimensionalen Käfig von Leistung und Konsum.
Kraftlos! Und nun? In der zweiten Lesung sehen wir den Apostel Paulus im Gefängnis. Er befindet sich in großer Bedrängnis. Zwei Wege sind es, die ihn nicht verzweifeln und an seinem Schicksal irrewerden lassen: Sein brieflicher Kontakt zu den befreundeten Gemeindemitgliedern in Philippi, und die Verbindung zu dem, „der mir Kraft gibt,“ zu Jesus Christus. So besteht er selbst Hungergefühle, Entbehrungen und andere Widerwärtigkeiten.
In Erschöpfungszuständen unseres Lebens kann es helfen, jene Instanz in unserem Selbst aufzusuchen, die in unmittelbarer Verbindung mit dem Schöpfer des Lebens steht, mit Gott. „In den Tiefen der Person, dort wo die Träume wohnen,… an den Quellen der Mythen und der Sehnsüchte, da ist der Raum, in dem Gott Wohnung nehmen möchte … Bleibt dieser Raum leer, dann ist der Mensch von innerer Unruhe, von Angst und Überdruss bewohnt. In seinem Herzen weht der eisige Wind der Einsamkeit“ (Ernesto Cardinal).
Geschehen kann dieser Gang zu den Quellen, indem ich Oasen der Tiefenbegegnung in mein Leben einbaue, indem ich zum Beispiel schweigend das Herzensgebet pflege oder mich in ein gutes Buch, die Natur, die Bibel, in ein Gespräch versenke oder meine Seele im Stehen vor Gott entlaste und ihm übergebe, was mich bedrückt. An solchen Orten kann ich die oft erbärmliche Lage meines Lebens übersteigen und spüren, dass neue Kräfte in mir wach werden, Mut und Zuversicht wachsen.
Kraftlos! Und nun? „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.“ schreibt Paulus.
Ohne die Verankerung in der religiösen Dimension ist das Leben nicht auszuhalten. Bisweilen geschieht es sogar, dass Menschen „mit dieser (Glaubens)- Kraft“ über sich hinauswachsen können und ein Stück dieser Welt im Sinne Jesu verändern. So geschah es bei Paulus oder bei Martin Luther King, dessen 40. Jahrestag seiner Ermordung wir am 4. April begangen haben und der in seiner großen Traumrede im Jahre 1963 vor 250000 Menschen in Washington ausgerufen hat:
„Mit diesem Glauben werden wir aus dem Berg der Verzweiflung  Steine der Hoffnung herausbrechen.
Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten, gemeinsam beten, gemeinsam kämpfen, gemeinsam in das Gefängnis gehen können… Es ist dieser Glaube, der uns fähig macht, dem Tod ins Auge zu sehen,  in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden… .“


23.05.2012
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