Bei „tanzbar_bremen“ tanzen Menschen mit und ohne Handicaps
Körperbewusstsein statt Gutmenschentum
Seit 2005 bietet die Initiative „tanzbar_bremen“ Tänzerinnen und Tänzern mit und ohne Behinderungen einen Ort, um gemeinsam das Tanzen zu trainieren und Tanzaufführungen einzustudieren. Mit dem Festival „eigenARTig“ findet 2011 das zweite Internationale Festival für integrativen zeitgenössischen Tanz in Bremen statt.
Text: Annedore Beelte
Fotos: Wolfgang Radtke (KNA)
Marion Kohlheim folgt den Bewegungen ihrer Tanzpartnerin. Konzentriert sieht es aus, harmonisch. Manchmal löst sie die Spannung kaum merklich, tastet am Körper der anderen Frau entlang. Dann stoppt die Musik. „Tauscht euch mit euren Partnern aus, wie ihr es erlebt habt“, fordert Tanzpädagogin Corinna Mindt die Gruppe von neun Tänzerinnen und Tänzern auf, die an diesem regnerischen Nachmittag zum Training in das Bremer Kulturzentrum
Lagerhaus zum integrativen Projekt „tanzbar_bremen“ gekommen ist.
Marion Kohlheim verschränkt die Arme vor der Brust, wiegt sie hin und her. Doris Geist führt bei ihrer Antwort die Hände ihrer Tanzpartnerin Marion zum Gesicht, damit sie ihre Antwort fühlen kann: Sie nickt. Für diejenigen, denen die eingespielte Kommunikation zwischen den beiden Frauen nicht vertraut ist, übersetzt Marion Kohlheim später: „Ich habe mich gefühlt wie ein Kind in der Wiege, als ich mit Doris getanzt habe.“ Und sie fügt nachdenklich hinzu: „Es ist schon eine merkwürdige Beziehung zwischen uns.“ Marion Kohlheim ist blind, Doris Geist ist taub. Gemeinsam stehen sie beim Tanz auf der Bühne.
Seit 2005 bietet die Initiative „tanzbar_bremen“ Tänzerinnen und Tänzern mit und ohne Behinderungen einen Ort, um zusammen zu trainieren. Regelmäßig bringen sie dann die gemeinsamen Produktionen auf die Bühne. Zuletzt hatten sie sich in dem Stück „hüben“ tänzerisch mit dem geteilten Deutschland auseinandergesetzt. Das Bild, wie Doris Geist eine Eingeschlossene hinter der Mauer mimt, verzweifelt ein Schlupfloch sucht und dabei wortlose Laute hervorstößt, ist nicht leicht aus dem Kopf zu kriegen. Nun steht eine weitere Premiere vor der Tür: Ende Januar präsentiert die Gruppe das Stück „helden“ in der Schwankhalle in Bremen. Mit der neuen Tanztheaterproduktion erkundet das Ensemble nun die Triebfedern und Fallstricke, Sinn und Unsinn unserer Heldenkonstruktionen.
Im Oktober 2009 haben Corinna Mindt und Günter Grollitsch, die künstlerischen Leiter von tanzbar, erstmals ein internationales Festival für integrativen Tanz organisiert. „eigenARTig“ versammelte Produktionen von Großbritannien bis Ghana und soll künftig alle zwei Jahre in Bremen stattfinden.
„Du hast ja wohl 'nen Knall.“ Das hat Corinna Mindt häufiger gehört, als sie sich anschickte, den Traum von einem Tanzprojekt für alle in die Tat umzusetzen. Doch sie fand Mitstreiter und mit der Aktion Mensch einen maßgeblichen Geldgeber. Im Martinsclub, einer Freizeitstätte für geistig behinderte Menschen, hat sie Frank Fahrenholz angesprochen. Seitdem hat er keine Produktion ausgelassen.
Die 76-jährige Yvonne Fenkel hat früher, „in einem anderen Leben“, auf der Bühne gestanden. Sie genießt es, dass in dieser Gruppe Alter kein Ausschlussgrund ist. Doris Geist ist eine professionelle Tanzausbildung verwehrt geblieben, weil sie nicht hört. Heute hat sie zwei Berufe: Tänzerin und Gebärdensprachlehrerin.
In einer Mischung aus Bewegung und schnell gekritzelten Notizen erklärt sie, dass beides für sie eine Menge miteinander zu tun hat. Sie zeigt mit den Händen ein Aufblühen: die Gebärde für „Rose“. Daraus entwickelt sie eine kleine Tanzimprovisation. Dann schreibt sie auf: „Tanzbewegen + Gebärdensprache = Gedicht, Poesie“.
Das erste Tanzensemble dieser ungewöhnlichen Art in Deutschland – „DIN A 13“ – gründete sich 1995 in Köln. Seither erarbeitet die Choreografin Gerda König mit ihrer „DIN A 13 tanzcompany“ sogenannte mixed-abled Inszenierungen, die körperlich gesunde wie auch körperlich beeinträchtigte Tänzer einbeziehen.
„tanzbar_bremen“ hat in der noch jungen integrativen Tanzszene mittlerweile ein eigenes Profil entwickelt: durch die bunte Mischung von Menschen mit geistigen, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen, durch den künstlerischen Anspruch und durch die Kontinuität, mit der die Gruppe seit über vier Jahren zusammen arbeitet. Nachdem die Projektförderung ausgelaufen ist, die den Start erleichterte, steht sie vor der Herausforderung, sich künftig selbst zu finanzieren. Corinna Mindt möchte verstärkt Workshops anbieten, hofft auf Teilnehmerbeiträge und Sponsoren.
„Hier geht es nicht um Gutmenschentum“, stellt sie klar. „In den Beeinträchtigungen steckt ein Schatz an Bewegungsmöglichkeiten.“ Ein Grundsatz des modernen Tanzes lautet: Die Bewegung geht vom Zentrum aus.
Wer mit einem Partner tanzt, der verkürzte Arme und ein Bein hat, das nur aus dem Oberschenkel besteht, gewinnt diesem Satz eine ganz neue Bedeutung ab. Ein contergan-geschädigter Tänzer, erzählt Corinna Mindt, hat die Gruppe dazu inspiriert, zahlreiche Bewegungsfolgen vom Boden aus zu tanzen.
Wie weit kann ich reichen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren? Kann ich die Bewegungen in Worte fassen oder durch Berührung vermitteln, wenn nicht alle Tänzer sehen können?
Solche Überlegungen führen zu einem ganz neuen Körperbewusstsein, da ist die Tanzpädagogin sicher.







