Aktuelle Ausgabe
2014-42

Veranstaltung des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) zum Umgang mit traumatisierten Kindern

Kindern Grenzen setzen ohne Strafen

(von rechts): Horst Richter, der aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen als Kind eine Stiftung für solche Menschen gegründet hat, Dr. Martina Cappenberg, ihre Assistentin Inga Knäpper und SkF-Geschäftsführerin Claudia Englisch-Grothe. Foto: Auffenberg 

Paderborn (ca). Grenzen setzen in der Erziehung muss sein. Aber Strafen helfen nicht. Zu diesem Thema veranstaltete der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) eine Fortbildung für Adoptions- und Pflegeeltern. 

Die Szene kommt bekannt vor: An der Supermarktkasse steht eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn Jan. Sie erwartet morgen Gäste, der Einkaufswagen ist mit den schönsten Sachen gefüllt: Chips, Pralinen, Getränke. Nun fällt Jans Blick auf die Schokoriegel im Regal und es beginnt das Drama. Er quengelt, er wird lauter, er schreit, er wirft sich auf den Boden. Die Mutter, will konsequent bleiben, gerät aber zunehmend in Stress, zumal sie unter Beobachtung der anderen Kunden steht, die ihr laut schweigend den Rat geben: „Jetzt nicht nachgeben!“

Grenzen zu setzen in der Erziehung ist in allen Familien ein Problem, doch wie gelingt es bei Pflegekindern, die in ihrer Herkunftsfamilie Gewalt und Vernachlässigung erlebt haben, die traumatisiert sind? Zu diesem Thema hatten der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und die Horst-Richter-Stiftung, Paderborn, Pflegeeltern eingeladen. Der SkF trägt in Paderborn einen Adoptions- und Pflegekinderdienst sowie die „Westfälische Pflegefamilien“, die Horst-Richter-Stiftung kümmert sich um früh traumatisierte Menschen. Als Referentin konnte mit der Münsteraner Psychologin Martina Cappenberg eine ausgewiesene Expertin gewonnen werden.   

Cappenberg verdeutlichte, dass Gewalt erfahren zu haben, alles im Leben verändere. „Für Kinder, die misshandelt werden, ist nichts mehr, wie es war“, sagte sie. Solche Kinder erleben ihre Eltern als absolute Bedrohung, „als mörderisch“. Um dennoch zu überleben, entwickeln sie Abwehrstrategien, sie identifizieren sich zum Beispiel mit dem Aggressor. Ein Kind, das immer geschlagen wird, glaubt irgendwann, es sei böse und darum müsse es geschlagen werden. Also verhält es sich immer wie ein böses Kind, es provoziert Bestrafung – auch in der Pflegefamilie. Und hier droht nun die Tragik. Die Pflegeeltern reagieren womöglich so, wie sie bei einem nicht traumatisierten Kind auch reagieren würden: sie strafen. Nicht mit Schlägen, aber mit Fernsehverbot oder anderen Methoden. Jedoch merken sie rasch, dass Strafen nichts hilft. Aus Cappenbergs Sicht völlig normal: „Wenn ein Kind dem Tod ins Auge geblickt hat, dann macht es ihm nichts aus, mal nicht Nintendo spielen zu dürfen.“ Die Tragik liege in den Signalen, die das Kind dadurch empfange. „Das Kind ist aggressiv geworden, um überleben zu können. Wenn wir es für aggressives Verhalten bestrafen, dann bestrafen wir es dafür, dass es überlebt hat!“ sagte die Psychologin. 

Als Ausweg aus diesem Dilemma stellte sie das Konzept des guten Grundes vor. „Ein Kind hat immer einen guten Grund für sein Verhalten!“ Diesen gilt es zu erkennen und dem Kind zu bestätigen: „Nicht du bist böse, sondern das, was du erlebt hast!“ Eindringlich riet sie den Pflegeeltern, in einen Dialog mit den Kindern zu treten und sich ganz auf ihre Seite zu schlagen. „Verbünden Sie sich mit Ihrem Kind, notfalls gegen den Rest der Welt!“ Erst dann nämlich sei es überhaupt möglich, Kontakt zum Kind zu bekommen. Das sei eine „quasi-therapeutische Anforderung“ betonte sie und empfahl den Eltern dennoch: „Entspannen Sie, kommen Sie heraus aus dem Machtkampf. Wenn Ihr Kind mit Ihnen kämpft, ringt es in Wahrheit mit seiner Vergangenheit.“

Das mit dem Machtkampf gilt übrigens auch für den kleinen Jan an der Supermarktkasse. Als Ausweg aus der Situation empfahl die Expertin, ihm klarzumachen: „Es ist manchmal so, dass man nicht alles bekommen kann im Leben und das müssen Mamas ihren Kindern beibringen. Aber wenn wir gleich zu Hause sind, trinken wir einen schönen Kakao, damit es dir wieder gut geht.“


23.10.2014
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