Aktuelle Ausgabe
2012-20

In Kevelaer ist Glaube und Kommerz getrennt

Kein Rabatz auf dem Kapellenplatz

In Kevelaer ist das Miteinander aus Religion und Kommerz klar geregelt, und kein Spagat, sagt Ruth Keuken. Foto: Reinders

Kevelaer. Langsam zündet die junge Frau eine Kerze an. Bedächtig faltet sie ihre Hände – und hält kurz inne. Auf dem Boden neben ihr stehen zwei große Einkaufstaschen. Der Besuch des Kapellenplatzes gehört zum Alltag in Kevelaer. Doch den regen Menschenbetrieb hat die Frau in der Hauptstraße des niederrheinischen Wallfahrtsortes zurückgelassen. Religion und Kommerz gehen getrennte Wege und gehören doch zusammen. Aus der Entwicklung des Ortes entstanden, sind sie bis heute organisatorisch und räumlich getrennt. „Deshalb wird das Haus Gottes in Kevelaer nicht zum Marktplatz“, sagt Stefan Zekorn, Direktor der Kevelaerer Wallfahrt. Sicher?

von Katrin Reinders

„Ganz sicher“, bestätigt Ruth Keuken, Wirtschaftsförderin der Stadt und Geschäftsführerin des örtlichen Verkehrsvereins, eines Zusammenschlusses von Einzelhändlern und Gastronomiebetrieben. Rund eine Million Gäste zählt Kevelaer jährlich. Die Pilger stammen vorrangig aus Deutschland und den Beneluxländern. Etwa 2000 Biker kommen zur inzwischen traditionellen Motorrad-Wallfahrt am dritten Juli-Wochenende und rund 15000 Gäste beschert alleine die Tamilenwallfahrt im August, die 1987 mit 50 Gläubigen begann und heute ein Großereignis für Menschen aus ganz Europa ist.
Dabei könne man nicht zwischen Pilgern und Touristen unterscheiden. „Der Übergang ist fließend“, sagt Keuken. Das Anzünden einer Kerze auf dem Kapellenplatz oder der Besuch der Marienbasilika gehöre für viele Touristen dazu. Auf der anderen Seite nehmen Pilger durch Pauschalangebote häufig touristisches Programm wahr: Fahrradtouren, Ausstellungsbesuche und mehr. Allerdings darf etwa auf dem Kapellenplatz keine weltliche Veranstaltung stattfinden. Er ist nicht in städtischem, sondern kirchlichem Besitz, „weshalb darüber einzig und allein die Pfarrei zu entscheiden hat“, erklärt Zekorn. „Dort werden Sie niemals einen Verkaufsstand zum Stadtfest finden“, erläutert er. Ein Beispiel: Bei den Puppenspielertagen stolzieren bunt kostümierte Stelzenläufer durch die Straßen, nicht aber über den Kapellenplatz. „Die Menschen dort dürfen einfach nicht gestört werden“, weiß die Wirtschaftsförderin, „da ist große Sensibilität gefragt.“ Die spirituelle Atmosphäre müsse gewahrt bleiben.
Vier Einkaufsstraßen führen sternförmig weg vom Kapellenplatz in die Innenstadt. Die Hauptstraße – ursprüngliche Pilgerroute – wurde zur Geschäftsmeile. Dort sind Einzelhändler wie Devotionalienanbieter, eine Fahnen- und Paramenten GmbH, Hotels, Cafés, Restaurants, Kerzenverkäufer aber auch Apotheken und Boutiquen zu Hause. Wer durch die Einkaufsstraßen läuft, behält stets die Basilika im Blick. Die Wallfahrt hat oberste Priorität; sie war zuerst da.
1642 baute Handelsmann Hendrick Busman eine kleine Kapelle im heutigen Wallfahrtszentrum. In einen Bildstock stellte man den in Antwerpen gefertigten Kupferstich der „Trösterin der Betrübten“. Die Menschen begannen, zu Maria zu pilgern und sie um die Fürsprache bei Gott zu bitten.
„Nun“, sagt Zekorn, „die Menschen hatten Hunger und Durst, suchten nach Übernachtungsmöglichkeiten.“ Und so ließen sich um das religiöse Zentrum kommerzielle Anbieter nieder. „Eine Reaktion des Handels auf menschliche Bedürfnisse“, formuliert es Ruth Keuken.
Beide empfinden das Miteinander von Religion und Kommerz nicht als Spagat. Stattdessen habe man sich in Kevelaer auf die strikte Trennung der Zuständigkeit geeinigt und lasse beide Bereiche parallel laufen. Möglich sei dies nicht zuletzt durch die enge Vernetzung der Gremien. Zum Beispiel ist der Direktor der Wallfahrt geborenes Mitglied im Verkehrsverein – „wir alle blicken in die gleiche Richtung“, sagt Pfarrer Zekorn.
Das Angebot der Einzelhändler in der Stadt hat sich mit der Zeit mehr und mehr in Richtung Wallfahrt spezialisiert. Gold- und Silberschmiede, Orgelbauer und Glasmacher sind dort bis heute zu finden. Je nach den Bedürfnissen der Gäste stellt der Verkehrsverein mehrtägige Programme zur Verfügung – entweder ausschließlich für die Wallfahrt oder als rein touristisches Angebot oder eben eine Mischung aus beidem. „Wir richten uns nach den Wünschen der Gäste“, sagt Ruth Keuken. Dabei werde Kevelaer als Stadt der Kunst und Kultur beworben, die Wallfahrt selbst erfährt keine große städtische Werbung, sieht man von der Madonnensilhouette im Signet des Verkehrsvereins einmal ab.
Kommt der Wallfahrtsrektor im Zuge dessen auf die Vertreibung der Händler aus dem Tempel zu sprechen, hält er fest, dass Jesus sich gegen den Missbrauch des Tempels durch den Handel wende. Gegen die persönliche Bereicherung an anderen, gläubigen Menschen. „In Kevelaer ist die Wallfahrt selbst jedoch kein Geschäft“, sagt er, „sie kostet den Pilger nichts.“ Und sie werde auch nicht vom Kommerz beeinflusst. Dass Pilger von Kevelaer aus Devotionalien mit in die Heimat nehmen, in einem Hotel übernachten und auch das touristische Angebot nutzen, stehe auf einem anderen Blatt. „Das ist doch etwas Schönes“, sagt Zekorn, „das machen wir anderswo auch.“


23.05.2012
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