Gedanken zum Evangelium
Kein Kaputtreden – sondern innerer Aufbau
Das heutige Evangelium nimmt Pfarrer Markus Jacobs aus Bielefeld zum Anlass, die Notwendigkeit eines inneren Aufbaus christlichen und kirchlichen Lebens zu betonen.
von Markus Jacobs
Worte Jesu können hart sein! Wenn sie hart sind, fordern sie heraus. Wollen Christen sich heute herausfordern lassen? Besitzen Sie zum Beispiel ein eigenes Haus? Dann stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Sie stehen vor Ihrem Haus und einige Freunde loben das gepflegte Gebäude. Dann verraten Sie noch, wo Sie überall zur Verschönerung selbst Hand angelegt haben. Darauf sagt einer der Umstehenden: Davon bleibt kein Stein auf dem anderen! Wollen Sie so etwas hören, und das gerade in diesem Moment?
Ein weiteres Beispiel: In einer Pfarrgemeinde hat es einen Kirchbauverein gegeben. Unter großen persönlichen Opfern sind vor fünfzig Jahren erhebliche Geldsummen gesammelt worden. Dann wurde die Kirche gebaut, in unzähligen Arbeitsstunden halfen Gemeindemitglieder. Alle meinten, an einem Gebäude mitgewirkt zu haben, das Jahrhunderte überdauern könnte. Und nun sagt einer: Diese Kirche wird abgerissen!
Keiner will solche Kommentare hören. Aber so hat Jesus gesprochen. Im Sonntagsevangelium heißt es: „In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden.“ Redet Jesus etwas kaputt? Sicher trübt er die Freude und das erhabene Gefühl der Umstehenden über ihren Tempel, den ganzen Stolz des jüdischen Volkes seiner Zeit.
Wie tief dieser Stachel gesessen hat, lässt sich daran ablesen, dass dieser Satz in leicht veränderter Form zu einem der Hauptvorwürfe im Prozess gegen ihn wird. Denn genau zu diesem „Tempelwort“ werden Zeugen gehört. Sie geben zu Protokoll, Jesus habe sogar gesagt, er selbst werde den Tempel niederreißen (vgl. Mt 26,61). Das Johannesevangelium nennt den wahrscheinlichen Hintergrund: Jesus muss wohl tatsächlich davon gesprochen haben, dass er den Tempel in drei Tagen wieder aufbaue, wenn er niedergerissen würde – aber damit habe er den Tempel seines Leibes gemeint (Joh 2,19).
Damit sind wir im Kern der vielschichtigen Redeweise Jesu: Er will in Frage stellen, er will bewusst aufrütteln! Dazu gehört für ihn, Menschen auf die Zerstörbarkeit ihrer vermeintlichen Sicherheiten hinzuweisen. Solche „Aufbauleistungen“ sind schön, aber nicht für die Ewigkeit bestimmt. Dies gilt für private Wohnungen oder Häuser wie für religiöse, zum Beispiel Kirchen. Es machte Jesus offenbar wenig aus, damit auch die gute Stimmung zu trüben. Aus historischer Sicht muss hinzugefügt werden: Eine Zerstörung des Tempels in Jerusalem war angesichts der römischen Besatzung und der fortwährenden jüdischen Aufstände immer möglich. Sie fand wenige Jahrzehnte tatsächlich statt.
Das zentrale Anliegen für Jesus ist der Aufbau der inneren Wohnung, des inneren Tempels. Denn die Sicherheit eines Christen beruht nicht auf Eigenheimen. Die wurden so vielen Menschen in Europa im letzten Krieg bereits zerstört. Die Sicherheit der Christen besteht auch nicht im flächendeckenden Bau von Kirchen. Manche Gemeinde steht heute aus demografischen und finanziellen Gründen vor der Frage, ob sie nicht ernsthaft den Abriss ihrer Kirche in Erwägung ziehen muss.
Solch eine Frage redet aber nie den Glauben kaputt. Denn das eigentliche Gebäude ist der innere Tempel. Den gilt es für die Auferstehung, den göttlichen Wiederaufbau bereit zu machen. Dafür ist ein Anstoß heilsam, der fragt: Woran hängst du eigentlich dein Herz? Von wo erhoffst du deine Sicherheiten? Hast du wirklich die Schönheit dessen im Blick, was ewig hält?







