Gedanken zum Evangelium
Kaum Familien als Heilige
Den Alltag zu leben und anzunehmen, das empfiehlt Dr. Burkhard Neumann angesichts der ersten dreißig Lebensjahre von Jesus. Das Evangelium von diesem Sonntag ist die einzige Schilderung aus dieser Zeit.
von Dr. Burkhard Neumann
Vor Jahren sprach mich ein Familienvater nach der Messe an, um mir leicht schmunzelnd zu gestehen, er habe während der Predigt im Heiligenkalender des „Gotteslobs“ geblättert. Dabei war ihm aufgefallen, dass es unter den offiziellen Heiligen der Kirche sehr viele Ordensleute und Bischöfe gibt, aber kaum Ehemänner, Ehefrauen oder gar Familien. Das hat ihn verständlicherweise gewundert, denn die weitaus meisten Christen leben ihren Glauben ja in Ehe und Familie.
Tatsächlich galt lange Zeit der Mönch, der Asket als das christliche Ideal. Der Stand derjenigen, die arm, ehelos und gehorsam lebten, wurde als der „Stand der Vollkommenheit“ bezeichnet, wobei man natürlich wusste, dass diejenigen, die in diesem Stand leben, nicht unbedingt die vollkommeneren Christen sind. Aber die Bezeichnung und die damit verbundene Überzeugung, in dieser Lebensform eher „heilig“ werden zu können, prägte die Kirche lange und dementsprechend auch ihren Heiligenkalender. Natürlich kann ein konsequentes Leben nach den sogenannten evangelischen Räten durchaus bewusst machen, was es heißt, als Christ zu leben. Aber dennoch darf man fragen, ob diese Betonung nicht zu sehr zu Lasten des normalen, alltäglichen Lebens gegangen ist; ob man nicht Ehe und Familie zuwenig beachtet und zuwenig gewürdigt hat. Gerade das Fest der Heiligen Familie kann uns darauf hinweisen, und es ist wohl bezeichnend, dass es erst im 19. Jahrhundert entstanden und im vergangenen Jahrhundert in den Festkalender der Kirche aufgenommen worden ist.
Fest der Heiligen Familie, das heißt ja dreißig Jahre nichts Besonderes, dreißig Jahre, in denen Jesus ganz normal und alltäglich in Galiläa gelebt hat. So alltäglich, dass es nichts darüber zu berichten gibt. Das normale, alltägliche Leben, der Alltag einer Familie wird damit als Möglichkeit des Christseins aufgezeigt, als Stand, in dem man glaubwürdig leben kann und soll. Man kann Jesus überall nachfolgen, auch in dieser Zeit in Nazareth, in dieser ganz normalen Lebenszeit einer Familie.
Wer dieses Leben annimmt und es vor Gott bejaht; wer die Aufgaben dieses Lebens, so wie sie sich ergeben, auf sich nimmt und bereit ist, seinen Teil für das Gelingen des Familienlebens beizutragen; wer bereit ist, zum anderen zu halten, ihn, wie die Lesung fordert, zu ertragen, wo es nötig ist, und ihm sogar zu ver-geben; wer bereit ist, Konflikte zwischen den Menschen, zwischen den Generationen auszutragen und auszuhalten, ohne gleich alles hinzuwerfen oder gar jemanden abzuweisen oder abzuurteilen; wer dies und noch vieles andere ganz schlicht und selbstverständlich tut, weil es nun einmal anfällt, weil es richtig und gut ist, der erfüllt das Gebot der Liebe. Ja, der lebt ein Leben im Geist Jesu, auch wenn er nicht im früher sogenannten „Stand der Vollkommenheit“ lebt. Den ganz normalen Alltag annehmen und vor Gott bejahen, weil man auf diesen Gott vertraut, das ist das Entscheidende. Und dieses alltägliche Leben bietet genügend an „Askese“, an Verzicht und Einschränkung, formt einen Menschen ganz von selbst durch das, was einem begegnet, durch die Menschen, mit denen man zu tun hat, durch die Ereignisse, die auf einen zukommen und mit denen man umgehen muss. Fest derHeiligen Familie, das ist das Fest des Alltags, des gewöhnlichen, unscheinbaren Lebens, das gerade so ein Weg zu Gott ist. Im Heiligenkalender der Kirche mögen die Väter und Mütter und Familien kaum vorkommen; im Heiligenkalender Gottes ist es sicherlich anders.







