Präses Bernhard Schröder kennt die Seinen im Erzbischöflichen Internat Attendorn
Jedes Kind ist wie eine Wundertüte
Attendorn. Er kennt die Seinen, ja, das ist gewiss. Wenn Monsignore Bernhard Schröder durch die Flure seines Internates geht, dann weiß er, wer hinter welcher Tür wohnt. Und er kennt auch die Geschichten seiner 75 Jungen. Schulprobleme, Stress in der Familie, Erziehungsschwierigkeiten. Nichts Unlösbares, aber doch ausreichend dafür, dass ein Kind in das Attendorner Collegium Bernardinum wechselt. Um dort in der „Herde“ von Präses Schröder auf dem rechten Weg zu bleiben. Schulisch und menschlich.
von Christian Schlichter
Absolute Stille herrscht im Klassenraum von Monika Kabisch. Rund 15 Jungen sitzen dort an ihren Einzeltischen und machen Hausaufgaben. „Silentium“ heißt diese Zeit am Nachmittag, in der im Bernardinum das getan wird, was Präses und Erzieher für wichtig halten: die Schule ernst zu nehmen. Wer fertig ist mit seinem Pensum, geht nach vorn an das Pult und lässt sich nach einer Kontrolle das Aufgabenheft abzeichnen. Doch dann ist noch nicht Schluss. Denn in den insgesamt gut zweieinhalb Stunden Silentium wird noch weiter gelernt. Bis der Stoff sitzt.
„Der ist nicht dumm, aber faul und braucht eine feste Hand“, gibt der 62-jährige Priester wieder, was er in vielen Elterngesprächen gehört hat. Eltern fühlten sich oft überfordert mit der Erziehung, wenn es dann in Schule hake, fragten sie um einen Infotermin bei ihm an. Dann zeigt der Präses sein Haus, lässt die dortigen Schüler selbst erzählen und erklärt die Regeln, die im Collegium gelten. „Wenn dann der Junge will und auch die Eltern zustimmen, können wir ihn aufnehmen“, schildert er, dass mit Zwang gar nichts gelinge. Denn immerhin gehe es in dem katholischen Internat „um die Zukunft“. „Du musst an dich denken, entscheiden was für dich wichtig ist“, gibt er den Jugendlichen als Ratschlag mit auf den Weg.
Wenn ein Junge in das Internat aufgenommen wird, merkt er sehr schnell, dass es dort Regeln gibt, die sein Leben grundlegend verändern. Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Höflichkeit, das zählt im Bernardinum. Auf die Schulen angewendet, die sie im Ort besuchen, bedeutet das: Nie wieder vergessene Hausaufgaben, nie wieder ungelernte Vokabeln, wenn es schwerfällt, sorgt Extra-Nachhilfe dafür, dass ein Junge wieder an das Klassenziel herankommt. Das ist ein Punkt, wie Bernhard Schröder und die fünf Erzieher im Haus ihre Sorge um die Jungen im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren definieren. Die Kinder sind ihnen anvertraut, um zu lernen. Für die Schule und für das Leben. Irgendwann, so hat er es erlebt, sorge dieses Training bei den Schülern für eine Zufriedenheit, Basis für wirklichen schulischen Erfolg. Dabei will der Präses aber auch bremsen: Eine Kaderschmiede mit Überfliegern sei das Bernardinum nicht. Darum gehe es aber auch nicht.
„Jedes Kind ist wie eine Wundertüte“, beschreibt Präses Schröder seine Erfahrungen aus 23 Jahren Internatsleitung. Er wisse nie, was drinstecke. „Ich kenne die meinen“, kann er dem Evangeliumstext auf sein Internat übersetzt zwar zustimmen. Und das nicht nur mit Namen. Auch die vielen kleinen Eigenheiten der 75 Jungen sind ihm bekannt. „Und trotzdem tun sich noch manchmal ganz neue Dinge auf“, erinnert er sich an die lange Reihe von Schülern, die er seit 1986 hat kommen und gehen sehen. Manchmal sei er enttäuscht, manchmal sei er stolz, oft aber gebe es viel Lob für die Arbeit im Internat. Denn dort geht es ja nicht nur um die Schule. Dort geht es um die Werte, die das Leben ausmachen. Verlässlichkeit, sich gegenseitig anzunehmen, gehören dazu.
Ganz im christlichen Sinne. Denn Bernhard Schröder ist ja nicht nur der Präses, der sich um das Wohlergehen seiner Herde sorgt. Der Monsignore kümmert sich auch um die Seelen der ihm Anvertrauten. Gebet am Morgen und Abend rahmen den Tag ein. In der hauseigenen Kapelle wird regelmäßig Gottesdienst gefeiert, Instruktionsstunden bringen ein Fundament in den Glauben. Doch das sind nur die Äußerlichkeiten. Denn so wie Schröder jede Nacht, wenn die Erzieher nach Hause gegangen sind, wie ein Elternteil allein für die 75 Schüler da ist, vom Heimweh über Kinderkrankheiten bis zum Virusinfekt, so ist er in seiner humorvollen Art auch sonst immer ansprechbar für die Jungen. Seine Tür steht für sie immer offen.
Und er sorgt sich um sie. „Da spielt auch immer die Angst mit, dass ihnen etwas zustößt“, kommt er auf die Stelle im Evangelium, in der vor dem bösen Wolf gewarnt wird. Im übertragenen Sinne gibt es den auch im beschaulichen Sauerland, in Attendorn. Die herumlungernden Jugendlichen am Kirchplatz, die nicht immer astreinen Gestalten am Feuerteich, vor denen will er seine Schützlinge behüten. Mit dem ältesten aller Rezepte: Kinder stark machen, Kontakt vermeiden. Denn für ihn und die Erzieherinnen und Erzieher gilt eines gewiss: „Mit fremden Kindern ist man ja immer vorsichtiger, als mit den eigenen“. Wenn das ein Priester sagt, dem auf dem Flur die Jungs voller Ehrfurcht, aber ohne Unterwürfigkeit begegnen, dann spricht das seine eigene Sprache. Dann wird der Unterschied klar zwischen dem bezahlten Knecht und dem Hirten aus Überzeugung. Und wenn Bernhard Schröder seinen Jungs dann auf dem Flur in einer schnellen Geste über den Kopf streicht, dann wird deutlich, dass ein Hirte, der sein Amt ernst nimmt, zwar immer der Chef seiner Herde bleibt. Aber wer sagt denn, dass er deshalb unbeliebt sein muss?







