Aktuelle Ausgabe
2012-20

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Jeder erhält den vollen Lohn

Pastor Liudger Gottschlich, Leiter des Exerzitienreferates im Erzb. Generalvikariat

Gleicher Lohn für so verschiedene Arbeitszeiten? Das sollte heute mal ein Arbeitgeber versuchen. Da sei Verdi vor! Solche Ungerechtigkeit schreit zum Himmel und gehört verboten. Dumm nur, dass dieser Arbeitgeber im Himmel sitzt und daher wohl kaum etwas daran ändern wird. Doch: warum sollte er auch? Weil wir das ungerecht finden? So fragt Pastor Liudger Gottschlich in seiner Evangeliums-Auslegung.

 

Von Liudger Gottschlich

 

Im menschlichen Gerechtigkeitsgefühl steckt immer eine Menge Neid und die Angst, zu kurz zu kommen. Das kann für Gott kein Maßstab sein. Tatsächlich geschieht hier aber keine Ungerechtigkeit, wie der Vergleichspunkt deutlich macht. Es geht um den Lohn im Himmel, nicht um Gehaltsklassen auf Erden.

Welcher Lohn ist denen ver­sprochen, die Jesus folgen? Das „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) und die „vollkommene Freude“ (Joh 15,11). „Fülle“ und „Vollkommenheit“ besagen nun aber schon vom Wortsinn, dass sie nicht mehr steigerbar sind; dass es darüber hinaus nichts dazugeben kann, weil absolut Alles ent­halten ist. Wenn der ver­sprochene Lohn also am Ende für jeden etwas nicht mehr Steigerbares ist – wie könnten manche dann mehr davon erhalten? Die Logik sagt, dies ist unmöglich. Gottes Güte ist absolut unermesslich, in jeder Bedeutung des Wortes. So kann und muss der Lohn für Christen am Ende nicht höher ausfallen als bei dem, der sich nicht ein Leben lang in der Nachfolge gemüht hat, weil er Gott erst spät fand. Denn alle erhalten die absolute Fülle. Bei Gott kommt keiner zu kurz.

Nun gut. Selbst, wenn man das einsehen kann: ein leises Grummeln bleibt vielleicht dennoch. Wieso sollte ich mich dann ein Leben lang in der Nachfolge Jesu schinden; die „Last der Arbeit und die Hitze ertragen“? Denn so ein Leben beinhaltet ja durchaus Schmerzliches: Verzicht, oft weniger Ansehen, sicher mehr Mühe (etwa mit der Feindes­liebe). Warum soll ich mich ein Leben lang immer mit dem letzten Platz zufrieden geben, wenn es doch auch – für den gleichen unermesslichen Lohn! – reichen würde, erst gegen Lebensende die Taufe zu empfangen, oder sich ernsthaft um ein christliches Leben zu bemühen? Bis dahin könnte man es sich doch nett machen und das Leben ge­nießen – ohne die Belastun­g­en­ der Nachfolge. Auch nach so einem Leben wartet doch der reiche Lohn. Oder nicht?

Grundsätzlich ja! Aber: ist ein Leben ohne Gott wirklich so viel begehrenswerter? Wir ­schielen oft auf die (geringeren) Kosten der Nachfolge und verlieren dabei den (größeren) Gewinn hier und jetzt schon aus den Augen. Was bedeutet es denn, getauft zu sein? Zuerst doch: sich von Gott bejaht und bedingungslos geliebt zu wissen; seinen Schutz zu haben; Stärkung und seine Nähe zu erhalten in den Sakramenten; über dieses Leben hinaus um eine gute Zukunft zu wissen, mit allen, die ich liebe – und die mir letztlich Nichts und Niemand entreißen kann. Darauf kann man ein Leben bauen.

Und wenn das alles fehlt? Der Mensch ohne Gott ist ganz auf sich und seine Schwächen geworfen. Er ist allein. Alles muss er selbst erkämpfen. Alles ist ständig bedroht durch den Tod, der endgültig ist und in die Vernichtung reißt. Dieses Leben ist die einzige ­Chance, die alles hergeben muss – Erfolg, Liebe, Genuß. Die Angst zu kurz zu kommen, überlagert deshalb alles. Ist ein Leben ohne Gott also wirklich so viel erstrebens­werter, weil bequemer? Wohl kaum. Ein Leben ohne Gott ist von so viel Überforderung, Angst und Perspektivlosigkeit geprägt; ein Leben mit Gott hingegen von so viel Hilfe, Zuversicht und Hoffnung, dass man gerne die „Last der Arbeit und die Hitze“, also die Mühen der Nachfolge erträgt. Das Leben ohne Gott trägt so viel an Verlust, das Leben mit Gott dagegen jetzt schon so viel an Gewinn in sich, dass der Christ in diesem Leben tatsächlich besser wegkommt. Aber am Ende gleicht sich auch das wieder aus. Bei Gott kommt keiner zu kurz.

Pastor Liudger Gott­schlich, Leiter des Exerzitienreferates im Ezb. Generalvikariat

An der Wasserkunst 20, 33098 Paderborn

 


23.05.2012
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