Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Jeder Tag ein Stephanustag

von Matthias Nückel 

Für viele Christen auf der Welt war es kein frohes Weihnachtsfest. Bei Anschlägen in Nigeria kamen 37 Menschen ums Leben. Eine der Bomben war in der Nähe einer katholischen Kirche gezündet worden und traf die Christen auf dem Weg zum Gottesdienst am Heiligen Abend.

Sieben Verletzte gab es bei einem Anschlag auf eine katholische Kirche auf der südphilippinischen Insel Jolo. Auch dort ereignete sich das Attentat während eines Weihnachtsgottesdienstes. In Pakistan demonstrierten an Weihnachten Zehntausende von Muslimen für die Beibehaltung des sogenannten Blasphemiegesetzes. Dieses dient vor allem dazu, Christen vor Gericht zu bringen.

Im Irak schließlich gab es keine Mitternachtsmessen. Während der Weihnachtsfeiertage glichen die christlichen Gotteshäuser Festungen. Soldaten und Sicherheitskräfte versuchten, Anschläge zu verhindern.

Die Christenheit ist nicht nur die größte Glaubensgemeinschaft auf der Welt, sondern in diesen Tagen auch die am schlimmsten verfolgte. 100 Millionen Christen leiden weltweit unter Diskriminierung, Schikanen und Gewalt, schätzt Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Glaubens- und Religionsfreiheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Es ist in der Charta der Vereinten Nationen ebenso verankert wie in den meisten Verfassungen. Dabei geht es nicht um die Bevorzugung einer Gruppe, sondern: „Christen fordern für sich keine Vorrechte, aber verlangen Religionsfreiheit für sich und für alle Menschen“, wie Erzbischof Zollitsch es ausdrückte. Das Menschenrecht der freien Religionsausübung muss ebenso weltweit durchgesetzt werden wie etwa das Recht auf Leben oder das Recht auf politische Freiheit.

Aber wer vermag die bedrängten und bedrohten Christen zu schützen? Und wie kann verfolgten Christen geholfen werden?

Kriegerische Gewalt, wie im Irak, nutzt nichts. Im Gegenteil. Seit dem Einmarsch der Amerikaner leiden die Christen dort mehr denn je. Nirgendwo ist es so schlecht um unsere Glaubensschwestern und -brüder bestellt wie zwischen Euphrat und Tigris. Etwa die Hälfte der christlichen Bevölkerung hat das Land wegen der ständigen Bedrohung mittlerweile verlassen.

Gewalt verbietet sich auch in China, wo Christen vom kommunistischen Regime unterdrückt werden. Niemand will und darf einen dritten Weltkrieg riskieren. Gleiches gilt für Indien, wo es Christen nicht viel besser ergeht.

Wirksame Möglichkeiten wären vielleicht wirtschaftlicher und politischer Druck. Leider ist zu befürchten, dass keine Regierung der Welt gegen China oder Indien um der Christen willen wirtschaftliche Sanktionen verhängt. Das Geschäft – das lehrt die Erfahrung – geht in solchen Fällen immer vor. Und politischer Druck nutzt bei Unrechtsregimen wie in China nichts, wie die Ereignisse um die Verleihung des Friedensnobelpreises gezeigt haben.

Was bleibt, sind letztlich nur Zeichen der Solidarität und das Gebet. Am 2. Weihnachtstag, dem Stephanustag, hat die katholische Kirche ihrer verfolgten Schwestern und Brüder im Glauben gedacht. Eigentlich müsste jeder Tag ein Stephanustag sein – bis alle Christen in Frieden und Freiheit leben können!


23.05.2012
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