Gedanken zum Evanglium
Ist der Ehrliche der Dumme?
Christen müssen sich immer wieder entscheiden. Für Liebe oder Hass, für Wahrheit oder Lüge. Pfarrer Pollmeier nimmt das Christkönigsfest als Anlass, darüber nachzudenken.
von Manfred Pollmeier
Kaum einen lassen die Fernsehbilder vom Mauerfall vor 20 Jahren kalt. Besonders die friedliche Demonstration in Leipzig im Oktober 1989 mit etwa 70 000 Menschen war überaus beeindruckend.
Der damalige Pfarrer Christian Führer von der NikolaiKirche im Zentrum der Stadt, in der die Friedensgebete allabendlich stattfanden, erzählte, ihm sei am 7. Oktober, dem riskantesten Tag der Wende, nachmittags um vier Uhr mitgeteilt worden, die ganze Nikolai-Kirche sei schon voller Menschen. Als er hinkommt, sind es lauter Männer, die dort sitzen und Zeitung lesen. Da wusste er sofort: Das sind Stasi-Leute, die die Kirche in Beschlag nehmen, damit niemand mehr hineinkommen kann. Da ist ihm eine Idee gekommen. Er geht ans Mikrofon und sagt, er freue sich außerordentlich, dass schon so früh so viele zum heutigen Friedensgebet gekommen seien. Er bitte aber um Verständnis, dass wegen der werktätigen Bevölkerung das Gebet immer erst um 18 Uhr beginnen könne ...
Ironie in höchster Anspannung. In einem Interview sagte dann Pfarrer Führer weiter: „Die haben bis zuletzt damit gerechnet, dass wir irgendwo in unseren Pfarrhauskellern Handgranaten und Bomben haben. Womit sie überhaupt nicht gerechnet haben, das war unser Gebet, und das waren unsere Kerzen. Wer eine Kerze trägt, der braucht ja beide Hände. Die eine, um die Kerze zu halten, die andere, um sie gegen den Wind zu schützen. Der ist ohnmächtig. Unsere Ohnmacht hat den Staatsapparat in die Knie gezwungen.“
Im Evangelium hatte Pilatus Jesus gefragt, ob er wirklich ein König sei, und Jesus hatte „Ja“ gesagt. Und weiter antwortete Jesus: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde ... Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. (vgl. Joh 18,36f)
Als Pius IX. 1925 das Christkönigsfest einführte, stand bei ihm der Kampf gegen einen immer größeren Abfall von Glauben im Vordergrund und der Wunsch, den Führern der Menschheit den höchsten König, den Herrn des ganzen Universums, vor Augen zu führen: Christus. Er ahnte wohl damals nicht, dass sich nur wenige Jahre später der Grundgedanke dieses Festes akut zuspitzen sollte. Hatten viele Menschen noch bis nach dem Ersten Weltkrieg Christus als dem König gehuldigt und dies auf ihre Banner geschrieben, standen sie wenige Jahre später vor der Entscheidung: Christus oder Hitler. So macht das Fest deutlich, dass Christen immer wieder aufgerufen sind, sich zu entscheiden: Liebe oder Hass, Wahrheit oder Lüge, Christus oder ...?
Gibt es die Wahrheit wirklich? Viele zweifeln daran und sind der Meinung, dass man ja nie wissen kann, ob es die Wahrheit ist oder doch nur Wichtigtuerei oder sogar Manipulation. Und am Ende ist der Ehrliche doch immer der Dumme.
Allerdings ist die Sehnsucht nach der Wahrheit und nach glaubwürdigen Zeugen groß. Die leise Stimme Christi sagt jedem von uns: „Vertrau auf die Wahrheit, vertrau auf mich, und ich werde zu einem König werden in dir, ja du selber wirst König sein, denn nicht die Lüge und nicht die Gewalt, sondern die Wahrheit wird dich frei machen.“
Beispiele gibt es genug. Nicht nur in der ehemaligen DDR im Jahre 1989, sondern auch ganz konkret in unserer Umgebung. Allerdings bleibt für uns die Herausforderung wie damals für Pilatus. Er steht von Angesicht zu Angesicht vor Jesus, der, mit einer Dornenkrone gezeichnet, ihm die Antwort gibt: „Ich bin ein König.“







