Aktuelle Ausgabe
2012-20

30 000 junge Christen nahmen über den Jahreswechsel am europäischen Taizé-Treffen in Berlin teil

In Orange und Kerzenschein

Taizé zählt zu den Symbolen der ökumenischen Bewegung. Der kleine Ort im Südburgund ist Sitz einer ökumenischen Bruderschaft, die zum Treffpunkt für Jugendliche aus der ganzen Welt geworden ist. Ein Mal im Jahr veranstalten die Brüder, die aus mehr als 25 Ländern und aus verschiedenen evangelischen und der katholischen Kirche stammen, über Silvester ein Treffen in einer europäischen Großstadt.

von Benedikt Angermeier (KNA) 

Vor allem die Stille hat Julia „bezaubert“. Als sie mit Tausenden Jugendlichen bei den Abendgebeten in den Berliner Messehallen ganz ruhig geworden ist. „Das ist das Besondere an Taizé, sagt die Ukrainerin und strahlt. Vor allem deshalb ist sie zum 34. Europäischen Jugendtreffen der ökumenischen Bruderschaft um den Jahreswechsel an die Spree gekommen. Und mit ihr an die 30000 junge Christen aus 70 Ländern. Fünf Tage Gebete, Lieder, Diskussionen. Ein Thema hat sie stets begleitet: „Wege des Vertrauens“, das Motto des Treffens. Sie zu wagen, kann eine knifflige Sache sein, wie der Leiter der im französischen Taizé ansässigen Gemeinschaft, Frère Alois Löser, einräumt. „Vertrauen ist ein Risiko“, sagt er in einer seiner abendlichen Ansprachen. Dennoch könne keine Gesellschaft ohne Vertrauen leben, wie der Nachfolger von Taizé-Gründer Roger Schutz (1915-2005) betont. Dabei spielt er auf die Finanzkrise und andere Herausforderungen an.

Wer kein Englisch oder Deutsch versteht, der kann die Ansprachen von Frère Alois mit Hilfe eines kleinen Radios mitverfolgen. Auf unterschiedlichen Frequenzen gibt es auf dem Messegelände Übersetzungen in über ein Dutzend Sprachen. Viele brauchen es nicht. Die 10000 Jugendlichen aus Deutschland bilden die größte Gruppe unter den Teilnehmern, gefolgt von 6000 Jugendlichen aus Polen und je 2000 aus Frankreich, Italien, Kroatien und der Ukraine.

Übernachtet haben die meisten in Gastfamilien. Nach mehreren Appellen auch von Politikern haben viele Berliner doch noch ihre Wohnungen für Gäste mit Isomatte und Schlafsack geöffnet und ihnen Vertrauen entgegengebracht. „Ganz wichtig“ findet das Taizé-Helfer Johannes: „Unser Treffen lebt von der persönlichen Begegnung.“ Julia und ihre ebenfalls ukrainische Freundin Oleana sehen das genauso. Sie wissen nun genauer, was Gastfreundschaft auf Deutsch bedeutet. „Wenn es heißt ,um acht Frühstück‘, dann bedeutet es auch Punkt acht Uhr“, erzählen sie lachend.

Die Vormittage verbringen die Teilnehmer in ihren mehr als 160 Gastgemeinden, doch auch Abstecher zu wichtigen Stätten der Metropole gehören zum Programm. So empfängt unter anderen Spitzenpolitikern die Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckardt, gleich mehrere hundert Taizé-Pilger. „Ich erhoffe mir von Eurem Treffen einen Energieschub für die Demokratie“, gibt sie ihnen mit auf den Weg.

Andere haben sich für eine Begegnung mit Muslimen entschieden. Dicht an dicht sitzen sie in Berlins bekanntestem islamischen Gotteshaus, der Sehitlik-Moschee beim früheren Flughafen Tempelhof. Als Chalid Durmosch vom Moscheeverein im Schnelldurchgang Architektur und Glaubensregeln des Islam erklärt, ist auf dem Teppichboden kaum noch Platz frei. 

Die evangelische Pfarrerin Elisabeth Kruse aus der Nachbarschaft der Moschee wirkt an diesem Treffen mit. Der interreligiöse Dialog kann sich „mindestens drei Scheiben von Taizé“ abschneiden, lobt sie das Engagement der ökumenischen Gemeinschaft.

Auch ein Appell der rund 100 Taizé-Brüder zu gelebter Solidarität ist nicht ins Leere gegangen. Vor dem Treffen haben sie die Teilnehmer und die Berliner aufgerufen, Medikamente und medizinische Geräte für Nordkorea zu spenden. Ihr Wunsch ist erhört worden. Nun können sie Beatmungsgeräte, Sterilisatoren, chirurgisches Material, Blutdruckmessgeräte, Infusionsbestecke und Verbandsmaterial in das notleidende Land schicken.

„Jubilate Deo omnis terra“ klingt es auf Lateinisch auch beim letzten Abendgebet wenige Stunden vor dem Jahreswechsel aus den Messehallen. „Jauchzt vor Gott alle Länder der Erde“. Orangefarbene Tücher verhüllen die sonst kahlen Wände, Kerzen flackern. Noch einmal kehrt Stille ein, bevor sich die Jugendlichen in ihre Gastgemeinden begeben und nach einem „Gebet um Frieden“ das neue Jahr beginnen – mit einem „Fest der Völker“, ohne Alkohol, doch mit viel Tanz und Musik. „Bis nächstes Jahr in Rom“, ist nach den Neujahrsgottesdiensten am Sonntag zu hören. Zum nächsten Europa-treffen der Gemeinschaft von Taizé hat Papst Benedikt XVI. bereits eingeladen.


23.05.2012
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