Aktuelle Ausgabe
2010-36

Gedanken zum Evangelium

In Jesus Christus das Leben finden

Josef Holtkotte ist Pfarrer von St. Jodokus Bielefeld und Leiter des Pastoralverbundes Bielefeld-Mitte.

In den verschiedenen Verhaltensweisen von Marta und Maria sieht Josef Holtkotte weniger eine Alternative als vielmehr einen Auftrag, in der jeweiligen Situation das Richtige zu tun. 

von Josef Holtkotte 

Was ist wichtig, was ist weniger wichtig? Was soll Vorrang haben: Das Hören auf Gottes Wort oder das praktische (diakonale) Tun? Das Verhalten der beiden Schwestern Marta und Maria lädt zu einer Wahl zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten ein. Soll das eine Wahl zwischen Beten und Arbeiten sein? Ich meine: Die beiden Frauen laden vor allem dazu ein, über unser gelebtes Christsein nachzudenken. Sie fragen uns: Welche Bedeutung hat der Glaube für dich? Wie lebst du deinen Glauben? 

Glaube und Gott haben in unserer Zeit keinen wirklichen Ort mehr im Leben vieler Menschen. Und doch haben sie für die Zukunft unserer Gesellschaft und der kommenden Generationen eine große Bedeutung. Unsere Lebenserfahrungen machen uns bewusst, dass es nicht ausreicht, nur materiell gesichert zu sein, sondern wir wollen auch geistig kreativ und spirituell sinnvoll leben. Wichtig ist die Frage nach dem „inneren“ Menschen. Denn der Glaube wächst aus unserem Inneren und strahlt aus in unsere Umgebung. Marta und Maria bilden deshalb den Rahmen für die Frage nach dem, wovon wir uns beanspruchen lassen; nach dem, was wir unter Lebenssinn und Verantwortung für andere verstehen. 

Die Frage geht auf die Erfahrbarkeit Jesu in unserem Leben. Wir erleben seine Gegenwart, wenn wir als Christen zusammenkommen. Wenn wir sein Wort hören und von ihm erzählen, erleben wir, dass seine Gedanken und seine Kraft in uns lebendig werden; oder wie es die Bibel sagt: dass uns sein Geist erfüllt. Jesus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

Wenn wir seine Ideen und Gedanken umsetzen in unserem Alltag, können auch viele andere Menschen etwas von seiner Liebe und Nähe spüren. Etwa dann, wenn wir diejenigen trösten, die traurig sind, oder Kranke besuchen, Hilflosen beistehen, Schwache verteidigen oder Streit schlichten. Jesus ist gegenwärtig in der Eucharistie, im Wort des Evangeliums und in der Gemeinschaft der Christen. Und wenn wir handeln, wie er es will, können es viele andere auch erleben. 

Deshalb sind die Verhaltensweisen von Marta und Maria weniger als Alternative zu sehen, sondern mehr als Beispiel und Auftrag, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Die Unterschiedlichkeit der Schwestern ermöglicht einen starken Impuls auf Jesus Christus selbst.  

Seine Liebe, seine Treue zu den Getauften und Gefirmten, zu den Suchenden und Fragenden, seine bleibende Gegenwart in der Mitte derer, die sich in seinem Namen versammeln, will beantwortet werden. Magnetisch ist der Glaube immer dort, wo sich die Liebe und damit das Leben Christi im Menschen durchsetzen kann; wo auf die Liebe Christi in freudiger Bereitschaft geantwortet wird. 

Durch Marta und Maria werden Fragen und Widersprüche der Menschen angesprochen. Sorgen und Nöte, aber auch Hoffnung und Vertrauen keimen auf. Was ist wichtig – was ist weniger wichtig?  In der Unterschiedlichkeit der beiden Schwestern werden Entscheidungen gefordert, Wege geklärt und Ziele erkennbar. Unseren Glauben zu finden und zu leben, dazu fordern uns Marta und Maria heraus. Immer auf den zu hören, der das Leben selbst ist, ist aber das Entscheidende. In Jesus Christus selbst das Leben finden, dazu hilft uns der Glaube. Maria hat das Leben gefunden – sie hat den besseren Teil erwählt.

 


04.09.2010
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