Musikwissenschaftler stellen neue kirchenmusikalische Studie in evangelischen Gottesdiensten vor
Immer mehr ist erklärungsbedürftig
Paderborn. Überkommenes kirchliches Liedgut ist nicht mehr selbstredend verständlich und immer häufiger erklärungsbedürftig. Das ist ein Ergebnis einer empirischen Untersuchung der Uni Paderborn zum Thema: „Singen im Gottesdienst“. Hauptsächlich im Advent vergangenen Jahres wurde bundesweit mit dem Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen das Gesangsverhalten in evangelischen Gottesdiensten ausgewertet. Prof. Dr. Heiner Gembris, der die Umfrage mit Studenten durchgeführt hat, möchte sie auch auf den katholischen Bereich ausdehnen.
von Gerd Vieler
Ausgangspunkt für die Untersuchung sei die Alltagsbeobachtung gewesen, warum das Singen im Gottesdienst häufig zu wünschen übrig lasse, sagt Gembris. Immerhin 75 Prozent der Befragten schätzten ihre Fähigkeit, Lieder zu singen, mit gut bis befriedigend ein und nur rund neun Prozent gaben an, ungern zu singen. Dazu ist der Gottesdienst die häufigste Gelegenheit zum Singen überhaupt. 88 Prozent der Befragten gab diese Antwort. Immerhin 53 Prozent singen bei Familienfesten. 35 Prozent singen gar in einem Chor, 21 Prozent in der Badewanne und neun Prozent im Fußballstadion. Nur zwei Prozent der 4 644 Befragten gab an, nie zu singen.
Erhoben wurden die Daten schwerpunktmäßig in Gottesdiensten während der Adventszeit vergangenen Jahres.
Weiterhin sollte die Frage erforscht werden, was das Singen im Gottesdienst hindert oder fördert. Was ist den Gottesdienstbesuchern wichtig an den Liedern? Aus welchen Gründen singen sie oder auch nicht? Wie gefallen welche Liedbegleitungen (Orgel, Gitarre, Band)? Zu solchen Fragestellungen gebe es bislang kaum empirische Forschungen sagt der Musikpädagoge.
Entsprechend des Profils von Gottesdienstbesuchern lag der Altersdurchschnitt der Befragten hauptsächlich zwischen 40 und 70.
Dabei haben die Forscher einen deutlichen Generationenunterschied in der Beliebtheit der Gesänge ermittelt. Ihr Ergebnis: Für die Generationen der unter 50-Jährigen ist das neue geistliche Lied (NGL) die attraktivste Gesangsform. Die 60- bis 80-Jährigen hingegen bevorzugen eher die traditionellen Gemeindelieder und Choräle. Es wachse eine Generation mit anderen musikalischer Orientierung nach, als das bislang der Fall sei. Das müsse, sagen die Musikwissenschaftler, Konsequenzen für die Gestaltung des Lied-Repertoires in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten haben. Das müsse sich aber auch in der Ausbildung von Kirchenmusikern niederschlagen, die in Zukunft nicht nur in klassischem Liedgut, sondern auch in der Popmusik Kompetenz haben müssten.
Trotz des Wandels in der musikalischen Orientierung ist aber die Orgel das beliebteste Begleitinstrument. Unterschiede deckt die Studie auch in der Bedeutung von Text und Musik in Bezug auf das Lebensalter auf. Während bei den Gottesdienstbesuchern bis zum 70. Lebensjahr Klang und Musik eine stärkere Rolle spielen, gewinnt für die über 70-Jährigen der Text sowie sein Ausdruck von Hoffnung und Zuversicht immer größere Bedeutung, während der musikalische Anteil rapide an Bedeutung abnimmt.
Detaillierte Ergebnisse der Studien werden noch veröffentlicht. Vielleicht dann auch aus dem katholischen Bereich.







