Gedanken zum Evangelium
Immer einen Schritt voraus
Als die Frauen am Ostermorgen ans Grab kommen, ist der Stein davor weggewälzt, Jesu Leichnam nicht mehr da. Auch von unserem Herzen will der Auferstandene manchen Stein wegwälzen, so deutet Schwester Maria Ancilla Ernstberger, Oberin im Paderborner Michaelskloster, das Osterevangelium.
von Sr. Maria Ancilla Ernstberger
Die drei Frauen, mit denen uns das Evangelium der Osternacht konfrontiert, haben sich, als der Sabbat vorüber war, nach dem Leiden und dem Kreuzestod Jesu, aufgemacht, seinen Leichnam zu salben. Die Salbung dient der Reinigung und ist ein Dienst, womit sie Jesus die letzte Ehre erweisen wollen.
Sie erinnern sich offensichtlich nicht an seine Worte, mit denen er seine Auferstehung angekündigt hat und ihnen ist auch nicht bewusst, dass Jesus der Messias, der Gesalbte ist, den sie ersehnt haben, von dem schon Heil ausging, als er noch sichtbar und greifbar unter ihnen lebte.
Die Frauen werden aktiv. Meinen sie, der Fortschritt des Heilsweges läge an ihnen? Ist mit dem Tod Jesu auch ihre Sehnsucht nach Heil am Ende? Oder können sie wegen der Ereignisse der letzten Tage keinen klaren Gedanken mehr fassen, denn erst unterwegs fällt ihnen ein, dass der Stein vor dem Grab für sie ein unüberwindliches Hindernis sein wird? Zwischen ihren Vorstellungen und Vermutungen einerseits und ihrem Glauben andererseits türmt sich schier Unüberwindliches auf. Ihre Erwartungshaltung gegenüber Jesus und seiner Wirksamkeit über den Tod hinaus ist minimal, sie bemisst sich lediglich an dem Menschenmöglichen: „Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“
Indem sie genauer hinblicken, bemerken sie: der sehr große Stein ist bereits weggewälzt, folglich können sie das Grab betreten. Aber sie finden nicht Jesus, so wie sie ihn zu finden meinten, sondern der Jüngling, ein Engel – Bote Gottes –, hilft ihnen weiter, erschließt ihnen, was ihrem Glauben fehlt. In einer Kurzformel bezeugt er den Kern der Glaubensbotschaft: „Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden.“ Der Lebende ist nicht bei den Toten zu finden.
Das Erschrecken der Frauen wird nicht näher erläutert. Rührt es daher, dass das Grab leer ist, dass sie anstatt Jesus einen Engel vorfinden? Erschrecken sie über ihren wenig ausgeprägten Glauben?
Ihr „Osterspaziergang“ ent-täuscht sie im besten Sinn des Wortes. Nicht im Grab, im Leblosen, ist der Auferstandene zu finden. Er lässt sich nicht eingrenzen auf das menschlich Berechenbare, Erklärbare oder Absehbare. Deshalb schweigen alle Evangelisten über das Wie der Auferstehung. Die Frauen sollen nicht beim leeren Grab stehen bleiben, sollen sich nicht fixieren auf den Stein, von dem sie meinen, er versperrte ihnen den Weg. Indirekt fordert der Engel die Frauen – und durch sie die Jünger, vor allem Petrus – auf: „Er geht euch voraus nach Galiläa: dort werdet ihr ihn sehen.“ Geht ihm also nach!
Der Auferstandene ist auch uns in dieser unserer Zeit immer einen Schritt voraus. Nicht die Beschäftigung mit unlösbaren Problembrocken bringt uns ihm näher. Wenn wir Gott nichts Umwälzendes zutrauen, sondern auf unseren Möglichkeiten beharren, bleiben wir hinter dem Glaubensanspruch der Auferstehung zurück. Im Blick auf den Auferstandenen und im Feiern von Ostern kann uns mancher Stein vom Herzen fallen, der Stein des Egoismus, der Rechthaberei, der Eifersucht, der Lieblosigkeit, des Stolzes und wie die Steine auch alle heißen, die unser Leben beschweren.
Wie den Frauen und den Jüngern gilt auch uns: „Er geht euch voraus!“ Der von den Toten Auferstandene zeigt uns neue Wege, die wir vertrauensvoll beschreiten sollen. Schließlich geht es um Leben und Tod: Mit der Auferstehung seines Sohnes hat Gott uns den Weg zum Leben eröffnet.







