Gedanken zum Evangelium
Im Beten weit werden für Gott
Beten macht uns fähig, von Gott mehr zu empfangen, als um was wir ihn bitten.
von Burkhard Neumann
Der heilige Augustinus war nicht nur ein großer Theologe und Bischof. Er war auch ein begnadeter und beliebter Prediger. Und er war nicht zuletzt ein fleißiger Briefeschreiber. Da er in der Kirche seiner Zeit sehr bekannt war, erhielt er immer wieder Briefe und Anfragen von Menschen, die ihn um seine Hilfe und seinen Rat baten. Und manche dieser Briefe sind schon fast kleine Bücher, in denen er versucht, ausführlich auf das Anliegen des Bittstellers einzugehen und zu antworten.
Einer dieser Briefe richtet sich an eine Frau namens Proba, eine wohlhabende Witwe, die um das Jahr 410 nach Christus in der Zeit der Völkerwanderung vor den Goten von Rom nach Afrika geflüchtet war. Sie hatte Augustinus gebeten, ihr etwas zum Gebet zu schreiben. Augustinus erfüllt diesen Wunsch und schreibt einen Brief, der mehr ist als nur ein Brief, sondern der schon eine kleine Abhandlung über das Beten darstellt.
Wie viele andere Beter fragt sich Augustinus an einer Stelle, warum wir Menschen denn Gott überhaupt um etwas bitten sollen. Schließlich wisse Gott doch, was wir brauchen und müsse es nicht erst durch uns erfahren. Im Neuen Testament gibt es entsprechende Worte Jesu, die uns das genau so sagen. Warum dann also beten, warum Gott konkret um etwas bitten, was er doch schon weiß?
Die Antwort, die Augustinus darauf gibt, finde ich sehr tiefsinnig. Sie ist sicherlich nicht alles, was man auf diese Frage antworten kann. Aber sie ist eine Antwort, die im besten Sinne zu denken gibt. Denn Augustinus sagt, dass durch ein solches Bitten „unser Verlangen gestärkt werden soll, damit wir in der Lage sind, aufzunehmen, was Gott uns zu geben beabsichtigt. Denn seine Gabe ist sehr groß, wir aber sind klein und eng im Annehmen.“
Wir sollen also zu Gott beten, weil dieses Bitten uns erst bereit macht für das, was Gott uns schenken will. Wir müssen erst wirklich offen und weit werden, damit wir uns von Gott beschenken lassen können. Indem wir zu Gott beten, indem wir ihn bitten, wächst unsere Sehnsucht nach Gott, öffnen wir uns für ihn und werden so bereit, uns von ihm beschenken zu lassen. Das Beten, das Bitten als Weitwerden für Gott, als Erkennen dessen, wonach wir uns zutiefst sehnen, als ein Sich-Bereit-Machen für Gott, um überhaupt wahrnehmen zu können, was Gott uns schenken will; um offen und weit genug zu werden, damit Gott bei uns, in uns sein kann – darin hat Augustinus wohl etwas ganz Wesentliches über das Beten erkannt.
In diesen Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten spielt das Beten eine besondere Rolle. Entsprechend den Jüngern, die, wie die Lesung aus der Apostelgeschichte berichtet, zusammen mit Maria und den anderen Frauen aus dem Kreis um Jesus betend und bittend auf das Kommen des Heiligen Geistes warten, hat die Kirche diese Zeit ganz bewusst als eine besondere Zeit des Gebetes zu Gott, des Gebetes um die Gabe seines Geistes gestaltet. Und so könnten auch wir diese Zeit nutzen, um weit und offen zu werden für Gott, damit er uns wirklich beschenken kann mit der Gabe seines Geistes. „Denn seine Gabe ist sehr groß, wir aber sind klein und eng im Annehmen.“ Bitten wir also im Gebet, damit wir weit und offen werden für Gott.







