Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Im Anfang war das Wort!

Msgr. Bernhard Schröder,Präses des Collegium BernardinumNordwall 26, 57439 Attendorn

Das Wort ist Fleisch, der Sohn Gottes Mensch geworden. Was die ersten Sätze des Johannesevangeliums verkünden, kann nicht genug betont werden, meint Bernhard Schröder, Präses des Erzbischöflichen Jungeninternates in Attendorn.

von Bernhard Schröder

Was wichtig ist, kann nicht oft genug wiederholt werden; was schön ist, möchte man immer wieder sehen. Bedeutende Aussagen des Glaubens werden uns immer wieder verkündet, damit wir diese nicht nur mit den Ohren hören, sondern damit sie mehr und mehr in unsere Herzen eindringen und in unserem Leben Bedeutung gewinnen. So wird uns auch am zweiten Sonntag nach Weihnachten noch einmal der Johannes-Prolog aus der Tagesmesse des Weihnachtsfestes im Evangelium als wahrhaft Frohe Botschaft verkündet.
Die Älteren von uns wissen noch sehr wohl, dass dieser Anfangstext des vierten Evangelisten in früheren Zeiten den letzten Teil jeder Messfeier bildete, das sogenannte Schlussevangelium, das ja in der Form des außerordentlichen Messritus weiterhin erhalten ist.
Dieser Prolog genoss in der alten Kirche schon früh eine außerordentliche Bedeutung und galt als Inbegriff des Evangeliums überhaupt, dessen göttliche Dynamik darin konzentriert ist. Und deshalb war ihm auch der Platz nach dem Schlusssegen jeder Eucharistiefeier reserviert.
Dieser Anfang des Johannes­evangeliums, den wir an diesem Sonntag in der weihnachtlichen Festzeit erneut mit tiefer Ergriffenheit hören dürfen, besingt in erhabener und feierlicher Sprache das tiefe Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes. So sehr die Weihnachtsbotschaft der Heiligen Nacht aus der Feder des Evangelisten Lukas, die uns seit Kindsbeinen wohl vertraut ist, mit der Erwähnung des überragenden Kaisers Augustus, der Davidstadt Bethlehem, von Maria und Josef, der Windeln, der Krippe und der vollbesetzten Herberge dann schließlich des Erscheinens des Verkündigungsengels bei den Hirten und des himmlischen Lobgesangs, ein vielfältiges Bild vor uns ausbreitet, konzentriert sich der Johannestext mit seiner dichterischen Sprache auf das Wesentliche. „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). Und dieses Wort ist Jesus.
Als das Wort steht Jesus nicht in der Reihe am Anfang der Schöpfung mit den anderen Geschöpfen, sondern er war von Anfang an bei Gott, sodass er selbst Gott genannt wird und ist. Durch ihn ist alles erschaffen worden, was existiert. Dieses „Wort“ ist „Leben“ und „Licht“ für die Menschen.
Der wunderbare Höhepunkt dieses Prologs ist die bedeutende Aussage „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Fleisch bedeutet hier nach biblischem Sprachgebrauch nicht einfach den Menschen schlechthin, sondern schließt seine Gebrechlichkeit, seine Ängste, Nöte, Sorgen, möglichen Krankheiten und auch sein dem Tode preisgegebenes Leben ein.
Dieser Mensch gewordene Sohn Gottes hat eben nicht – wie etwa die Doketisten lehrten – einen Scheinleib, sondern war wirklich wahrer Mensch; er war Fleisch.
Und so rückt dieser Vers den ewigen Sohn Gottes ganz eng in unsere Existenz, in meine Existenz, in mein eigenes Leben, in meine Gebrechlichkeit und in meine ständige Erfahrung der eigenen Grenzen. Das ist Menschwerdung. Und dadurch kann er allen Anteil geben an seinem ewigen Leben und an seiner göttlichen Herrlichkeit.
„Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Seit Jahrhunderten betet die Kirche dreimal täglich im Engel des Herrn dieses wunderbare Bekenntnis und lässt den Betenden dadurch immer wieder von neuem die liebevolle Hinwendung des Herrn zum Menschen innewerden.
Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, damit wir dadurch Anteil erhalten an dem Geschenk der unvorstellbaren Göttlichkeit. Es ist gut, dass uns dies immer wieder verkündet wird.


23.05.2012
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