Logistikexpertin Hallgreen sorgt sich um Krisen in der ganzen Welt
Hungrige ernähren
„Ich sorge dafür, dass die richtige Menge Lebensmittel zur rechten Zeit, am rechten Ort sind“, sagt Oyinkan Odeinde Hallgreen. Die Anfang 40-Jährige arbeitet für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Wo Hunger ist in der Welt, wird sie gefordert. Da hat sie einen ganz eigenen Blick auf das Wunder der Brotvermehrung, das an diesem Sonntag das Evangelium bestimmt.
von Susanne Dietmann
„Theoretisch können wir alle Hungernden auf der Welt erreichen“, sagt Oyinkan Odeinde Hallgreen. „Doch in der Realität müssen wir uns zuerst um diejenigen kümmern, die unsere Hilfe am nötigsten brauchen.“ Und das sind nicht wenige. 102 Millionen Bedürftige in 78 Ländern hat das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen allein 2008 versorgt, mit 3,9 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln. Die Empfänger der Hilfslieferungen können aufgrund von Naturkatastrophen, Krieg oder Vertreibung, und den Folgen des Klimawandels nicht selbst für ihr tägliches Brot aufkommen.
Oyinkan Odeinde Hallgreen arbeitet seit zwölf Jahren als Logistikerin für das WFP. Nach der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2005 half die Nigerianerin bei der Entwicklung eines Notfallplans in Indonesien: „Unseren Ernährungsplan auf einem Stück Papier zu sehen und ihn dann in einem logistischen Spagat umzusetzen, war sehr erfüllend“, sagt Hallgreen heute. Die bisher größte Herausforderung in ihrem Job erlebte sie in Simbabwe: „Ich musste dort das logistische System aufbauen und die Lebensmittellieferungen zu den Bedürftigen bringen. All das mit einem unerfahrenen Team, das ich anlernen und aus dem ich eine Einheit bilden musste!“
Inzwischen ist die sympathische Frau Anfang vierzig jedoch geübt im „Geschäft mit dem Hunger“. Seit einem Jahr hält sie in der kenianischen Küstenstadt Mombasa als Cheflogistikerin die Fäden in der Hand. Sie ist nicht nur für 105 Mitarbeiter verantwortlich, sondern auch für einen reibungslosen Ablauf der Lagerung und Verteilung von Lebensmitteln in sechs weiteren afrikanischen Ländern: Uganda, Somalia, der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan, Ruanda und Burundi. „Ich sorge dafür, dass die richtige Menge Lebensmittel zur rechten Zeit, am rechten Ort sind“, beschreibt Hallgreen mit wenigen Worten ihre verantwortungsvolle Aufgabe. „Das ist eine große Herausforderung, aber es ist mein Job, hungrige Menschen zu ernähren und Leben zu retten.“
Welche Menge Lebensmittel ein Mensch braucht, gibt eine einfache, international gültige Formel vor. Diese besagt: 1.200 Kilokalorien pro Person und Tag sind nötig, um eine gesunde Ernährung zu gewährleisten. Um Hungernden schnell und effizient zu helfen, bedarf es jedoch auch eines ausgeklügelten Logistiksystems: 30 Schiffe, 70 Flugzeuge, 5000 Lastwagen und im Notfall auch Kamele, Esel oder Elefanten, sind tagtäglich im Einsatz. „Dort wo es möglich ist, versuchen wir die Nahrungsmittel im Land selbst zu beschaffen. So profitiert auch die Wirtschaft vor Ort und wir können die Bedürftigen viel schneller erreichen“, erklärt Hallgreen. Außerdem versucht die Logistikexpertin, bei den Lebensmittelverteilungen auch die örtlichen Essgewohnheiten zu berücksichtigen.
Bei Notfalleinsätzen muss alles ganz schnell gehen. „In diesen Situationen rechnen wir mit einer Lebensmittelration von einer Tonne für 1.800 Menschen am Tag“, benennt sie die gängige Faustformel. In Flughäfen, Häfen und an wichtigen Verkehrsachsen, hat das Welternährungsprogramm eigene Lager eingerichtet, auf die es bei Katastrophen zurückgreifen kann. Diese Depots stellen sicher, dass jeder Ort auf der Welt innerhalb von 24 bis 48 Stunden versorgt werden kann.
Bei solch riesigen logistischen Operationen, läuft jedoch nicht immer alles reibungslos ab. „Es ist sehr frustrierend, denn manchmal erlebt man auch Rückschläge. Wenn sich etwa Nahrungsmittellieferungen verspäten, zieht das eine Reihe von Folgen mit sich und führt dazu, dass die Bedürftigen die Hilfslieferungen erst spät erhalten. Es kann auch sein, dass sich die Waren am Hafen stapeln und manchmal können die Kollegen aus Sicherheitsgründen nur bedingt in bestimmten Gebieten arbeiten.“ Doch auch kleinere oder größere Rückschläge haben Oyinkan Odeinde Hallgreen nicht davon abgehalten, ihre Mission weiter zu verfolgen: „Ich weiß, dass die Lebensmittel die wir liefern, Leben retten und dass wir dazu beitragen, dass immer weniger Menschen an Hunger sterben, als wir es früher auf den Fernsehbildschirmen gesehen haben.“
Gleichzeitig verfolgt das Welternährungsprogramm das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. „Ich bete darum, dass alle Länder, in denen wir helfen, lieber früher als später wieder auf eigenen Beinen stehen“, sagt Hallgreen. Doch erst vor wenigen Tagen vermeldeten die Medien eine neue Zahl, die nicht nur Hallgreen erschaudern lässt: „Es gibt mehr Hungernde in der Welt als je zuvor. Mehr als eine Milliarde Menschen. Da müssen wir noch eine gewaltige Aufgabe bewältigen.“







