Harfenbauer Alois Schroll fertigt in reiner Handarbeit
Himmlischer Klang
Sie ist ein Exot – und sie ist alt: Im Zeitalter elektronischer Musik trifft man die Harfe nur noch selten an. Das war nicht immer so. In der Bibel wird die Harfe über 30 Mal erwähnt: „Spielt dem Herrn auf der Harfe, auf der Harfe zu lautem Gesang“, heißt es beispielsweise in den Psalmen. Auch zahlreiche Engelsdarstellungen zeigen die himmlischen Boten beim Harfenspiel. Zur besinnlichen Weihnachtszeit erklingen dann doch noch in vielen Haushalten zur Bescherung CD's mit den Klängen des Saiteninstruments. Ein Schreiner aus Oberbayern hat sich das Bauen selbst beigebracht.
Text: Hans-Georg Becker
Fotos: Katharina Ebel
„Der Vergolder atmet nur im Grab“, sagt Alois Schroll und lächelt verschmitzt. In der Hand hält er ein hauchdünnes Blättchen aus 24-karätigem Blattgold. Schon der leiseste Schnaufer reicht aus, es zu ruinieren. Beim Auftragen mit dem Spezialkleber ist äußerste Präzision erforderlich. Klebt es einmal, ist keine Korrektur mehr möglich. Aber Alois Schroll ist nur nebenbei Vergolder, nämlich wenn er dem Instrument, an dem er arbeitet, besonderen Glanz verleihen möchte. Schroll baut Harfen.
Dabei hat er den Beruf gar nicht klassisch erlernt, bei einem anderen Harfenbauer, in einer Werkstatt oder gar auf der Berufsschule. Von den wenigen Harfenbauern, die es in Bayern und Österreich gebe, rücke keiner mit seinem Wissen raus, verrät er. Alois Schroll ist eigentlich Schreiner, hat diesen Beruf lange ausgeübt und war schließlich auch Leiter eines Betriebs. „Aber dös war net so unbedingt dös Meine“, sagt der gestandene 45- jährige Oberbayer heute.
Und wie kommt man dann ausgerechnet zum Harfenbau? „Ganz einfach, ma heirat a Harfenistin“, sagt Ehefrau Karin schmunzelnd. In ihrer Familie war die Musik zu Hause, schon als Kind hat sie mit dem Harfespielen angefangen. Auch heute noch ist sie viel mit der Harfe unterwegs: mit Volksmusikanten, bei kirchlichen Anlässen, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. Auch in der Familie von Ehemann Alois hat die Musik immer eine Rolle gespielt. „Und wia ma dann g‘heirat habn, da hat da allaweil a Harfn da gestanden“, erinnert er sich. Die hat er dann immer anschauen müssen und sich irgendwann gedacht: „So was werd i aa amoi probieren“.
Die Beziehung zum Holz hat er vom Schreinerberuf her mitgebracht. Dann hat er sich mit dem mechanischen Innenleben des Instruments vertraut gemacht, rumgetüftelt, gestimmt, nachgestellt, wieder gestimmt, ausprobiert, berechnet, Harfen angeschaut, eigene Ideen entwickelt, bis es dann so weit war. Anfang 2005 hängte er den Schreinerberuf an den Nagel. Ein Wagnis? „Ja mei, schon, aber wenn ma‘s net ausprobiert, dann ko ma ja net sag‘n, geht‘s oder geht‘s net.“
Ein echter Autodidakt also. Und schon mit seiner ersten Harfe traf er den richtigen Ton. Zum Erfolg hat dann Ehefrau Karin beigetragen, indem sie mit dem Erstlingswerk ihres Mannes öffentlich auftrat. In Musikerkreisen spricht sich das schnell herum: „Da hat Eine eine gute Harfe“, hörte man immer wieder. Der Weg zum Erfolg war eingeschlagen.
Schrolls Werkstatt befindet sich in der Einöde Rutzöd auf dem oberbayerischen Hochberg bei Traunstein, ein paar Kilometer vom Chiemsee entfernt. Auf einem Anwesen, das seit fast 500 Jahren im Besitz der Familie ist. Schroll findet es seltsam, dass das Instrument vor allem im alpenländischen Raum daheim ist: In der Mitte von Deutschland oder gar im Norden spiele es „so gut wie keine Rolle“, sagt er. Doch die ursprüngliche Heimat der Harfe darf man im Orient vermuten: In Mesopotamien und Ägypten wurde sie schon vor Jahrtausenden gezupft, die Israeliten verwendeten sie im Tempelgottesdienst.
In der Bibel wird sie über 30 Mal erwähnt. „Spielt dem Herrn auf der Harfe, auf der Harfe zu lautem Gesang“, heißt es in den Psalmen, und bei Jesaja findet man: „Bei ihren Gelagen spielt man Zither und Harfe.“ Auch auf griechischen Vasen ist sie häufig zu finden und in der christlichen bildenden Kunst sowieso: Zahlreiche Engelsdarstellungen zeigen die himmlischen Boten beim Harfenspiel.
„Heutzutag‘ spielt man auch Jazz oder Blues auf der Harfe“, weiß Karin Schroll. Vertreter wie der Schweizer Andreas Vollenweider oder die kanadische Weltenbummlerin Loreena McKennitt haben das Instrument auch in der populären Musik hoffähig gemacht.
Damit das dann alles auf CD gut klingt, kommt es beim Bau auf das richtige Material an. Alles, was mit dem Klang der Harfe zu tun hat, ist aus ganz besonderem Fichtenholz. „Bergholz, das ganz langsam wächst, mit ganz feinen Jahresringen, das macht den guten Klang aus.“ Schroll bezieht das sogenannte Tonholz aus der Schweiz. Geschlagen wird es nur beim richtigen Mondstand. Und es kommt auch nicht in die Trockenkammer, sondern wird auf dem Berg in 1800 Metern Höhe luftgetrocknet.
Die tragenden Teile sind aus normalem Fichtenholz, andere Harfenbauer nehmen Ahorn oder Kirschbaum, aber das ist deutlich schwerer. Und bei 17, 18 Kilo, die so ein In-strument wiegt, überlegt man schon, wo gespart werden kann.
Wer bei den Schrolls eine Harfe kauft, bekommt auf alle Fälle ein Unikat, ein absolut individuelles Stück: Sowohl das Aussehen wie den Klang – Klangbild, sagen die Harfenbauer – kann er nach Mustern selber aussuchen.
Dieser Klang wird übrigens nicht zuletzt vom Lack bestimmt: Je heller, desto klarer und brillanter, je dunkler, desto matter; „bewölkt“, sagt Karin Schroll. Und die Optik, wie wichtig ist die? Geschmacksfrage, meint Schroll, aber immerhin: Die Harfe steht ja immer offen da, anders als vielleicht eine Zither, die man in den Koffer packen und unters Bett schieben kann. Spezialwünsche der Kunden werden umgesetzt: bunte Farben, Blumenmuster, Ornamente, besondere Schnitzereien an Kopf und Fuß. Und natürlich – auf Wunsch – die Vergoldung.
Dann geht es an die eigentliche Arbeit. Viele einzelne Arbeitsschritte warten auf den Harfenbauer: Drechsler- und Schreinerarbeiten kommen zuerst, dann fräsen, bohren für die Mechanik, verleimen, immer wieder verleimen.
Zwischendurch schleifen, beizen, und lackieren. Erst wenn alle einzelnen Teile fertig sind, geht es ans Zusammenbauen.
Die komplexe Mechanik wird eingebaut, die Saiten werden aufgezogen und unter Spannung gesetzt. Und wer glaubt, jetzt könnte man ans Spielen gehen, der täuscht sich. Denn die Harfe muss nun oft und immer wieder gestimmt werden, bis sie endlich die Stimmung hält. Durch den enormen Zug gibt das Holz immer wieder ein bisschen nach. Und auch die Saiten „ziagn sich am Anfang immer a bisserl aus“, sagt Schroll auf gut Bayrisch.
Die aufwendige Fertigung hat ihren Preis. Die ganz in Handarbeit gebaute Harfe kostet am Ende zwischen 5000 und 7000 Euro. Schließlich braucht Schroll für ein Instrument rund einen Monat. Ein neuer Kunde muss mit einer Wartezeit von bis zu zwei Jahren rechnen. Und so muss er sich vor dem Harfenspiel zunächst in Geduld üben.







