Aktuelle Ausgabe
2012-20

Im biblischen Kochstudio der evangelischen Pfarrersfrau Markusine Guthjahr

Himmlische Genüsse auf zwei Platten

Mut zu neuen Geschmackserlebnissen ist gefragt beim „kommunikativen Kochen mit den Gaben Gottes“, zu dem Markusine Guthjahr mehrere Landfrauen im oberpfälzischen Königstein in den Gemeindesaal eingeladen hat. Inspiriert durch eine Reise nach Israel machte sich die Kräuterexpertin in der Bibel auf die Suche nach Zutaten für eine einfache und leckere Kost. Sie wurde nicht nur fündig, sondern erschloss sich gleich ein neues Spezialgebiet. Seit 17 Jahren tourt sie nun schon mit ihrem Bildungsangebot durch Ost- und Westdeutschland.

Text: Carola Renzikowski

Fotos: Katharina Ebel (KNA) 

Gerade hat es am Tisch noch köstlich nach Orangen gerochen. Aber was soll das denn nun? Einen Zwiebelring nach dem anderen legt Heike auf die Fruchtscheiben, beträufelt sie mit Zitronensaft und Olivenöl und legt darauf Kreuzkümmel, gehackte Minze, Pfeffer und Salz. Dann noch schwarze Oliven. „Ich habe beim ersten Mal auch gedacht, das kann man nicht essen“, gesteht Guthjahr. Doch der Mut wurde belohnt. Ihre biblischen Koch-Weisheiten wecken mittlerweile bundesweit großes Interesse.

„Mein Ansatz sind nicht biblische Rezepte, sondern die Pflanzen in ihrem Kontext“, erläutert die Pfarrersfrau beim süßen Begrüßungs-Minze-Tee. Schon vor 3000 Jahren kam das Erfrischungsgetränk mit zur Heuernte, erzählt sie – und ist schon mittendrin in ihrem Metier, zu dem auch ein Crashkurs in Botanik, Bibelkunde und Sozialgeschichte gehört.

Weil ihre Teilnehmer dabei viel schnuppern, schmecken und fühlen sollen, rückt
Guthjahr stets mit einem Großaufgebot gesammelter Feldblumen, Bottichen voll frischer Kräuter, getrockneter Feldfrüchte, Gewürze, Gemüse und Obst und ihrem Olivenbäumchen an. Und mit zwei ehrwürdigen Hausbibeln, eine davon fast 450 Jahre alt.

„Jesus wurde der Ysop-Stab gereicht – die Bibelstelle kennen Sie bestimmt alle“, sagt Guthjahr, zupft einen Stängel mit violetten Blüten aus einem Waschkrug mit Wiesenblumen und reicht ihn herum. „Da handelt es sich vermutlich um einen Übersetzungsfehler in der Bibel, die Pflanze wuchs gar nicht im Heiligen Land.“ Wohl aber der wilde syrische Majoran. Na ja, meint sie, die Bibel sei schließlich kein Botanikfachbuch.

Schlicht, aber gesund war die Kost in der Zeit, als die Heilige Schrift entstand, erläutert die Expertin: „Wussten Sie, dass die Israeliten während ihrer Knechtschaft in Ägypten vor allem Brot, Zwiebeln, Lauch und Knoblauch zu essen bekamen, weil es ihre Abwehrkräfte stärken sollte?“

Manchmal musste die Pfarrersfrau lange recherchieren. „Wo sie auf den Gurkenfeldern ihre Hütten bauten“, heißt es an einer Stelle im Alten Testament. „Bis ich darauf gekommen bin, dass nicht Gurken, sondern Wassermelonen gemeint sind, hat es lange gedauert.“ 110 Pflanzen fand Guthjahr während ihres Studiums in der Bibel, 20 davon sind feste Zutaten für ihre mittlerweile über 100 eigenen Rezeptkreationen.

„Wir machen heute Esaus Linsengericht“, kündigt die Ernährungsberaterin an. Schon verziehen sich ein paar Gesichter, gruselige Erinnerungen an braunen Eintopf mit Würstchen kommen hoch. Doch wer hat schon so ein Argument parat: Für den Teller roter Linsen, die sein Bruder Jakob gekocht hatte, vermachte ihm Esau immerhin sein Erstgeburtsrecht. Ob er damals wusste, wie viel Eiweiß und Vitamine Linsen haben? „Wenn Sie Linsen keimen lassen, reichern sich die Vitamine explosionsartig an“, wirbt die patente Rentnerin für die Hülsenfrüchte.

„Uh, des is g‘scheit bitter“ – gerade hat Petra von der gelbblühenden Raute probiert. Für den Lammbraten etwa werden in der israelischen Küche nur die besten Bitterkräuter verwendet, erklärt Guthjahr und hat noch andere in der Hand: Wermut und Löwenzahn, eine von vielen Latticharten.

Für die Gewürze kommt der Mörser zum Einsatz, Sabine darf den Koriander aufschließen. „Das riecht aber stark“, meint sie spontan. Zur Beschreibung vom „Himmelsbrot“ Manna im Buch Exodus passt das nicht ganz: „Und es war wie weißer Koriandersamen und hatte einen Geschmack wie Semmel und Honig.“ Sparsam dosiert, meint die Bibelköchin, verfeinere der Samen sehr viele Gerichte.

Das Wort Kochkurs mag die Pfarrersfrau gar nicht: „Ich mische mich nicht ein, wie die Leute kochen“, sagt sie. Geschnitten, geschält und gekocht wird nicht in der Küche, sondern an langen Tischen mit Wachsdecken darauf, einigen Holzbrettern und einem Zweiplatten-Reiseherd. Auf Designerküchen legt die Seminarleiterin keinen Wert, mit Fernsehköchen hat sie nichts am Hut. Je einfacher die Ausstattung, desto besser die Stimmung, das ist ihre Erfahrung. Wenn es einen Wasseranschluss gibt, reicht für ihre Zwecke auch ein Gewächshaus oder eine Scheune.

„Was ich wirklich faszinierend finde, sind die Parallelen zur modernen Küche: Sie soll fettarm sein und gehaltvoll, und sie soll schnell gehen“, findet Petra, die im Topf Zwiebeln für die Suppe andünstet. Käti, die „Davids Powerfrühstück“ zubereitet, ist dankbar, zu manchen exotischen Früchten nun einen Bezug zu haben. Etwa zum Granatapfel, dessen Beschaffenheit im Hohelied Salomons mit der Schönheit einer Frau verglichen wird und dessen Nektar als Saft der Liebenden gilt.

„Ich wusste gar nicht, dass Linsen so gut schmecken können!“ – das Aha-Erlebnis bei der feurigen roten Suppe, serviert in Kaffeetassen, freut die Chefköchin sichtlich. Gespannt beobachtet sie nämlich alle neuen Gesichter beim Probieren der verschiedenen Köstlichkeiten. Dass ihre Gerichte so gut ankommen, hat Guthjahr auch ihrem Mann zu verdanken. Der Pfarrer dient ihr als Vorkoster. Nur was in seinem kritischen Gaumen Bestand hat, kommt auch künftig in den Topf.

Der orientalische Orangensalat ist schnell bis auf einen Löffel geleert, zum Minzedessert reicht Guthjahr Granat-apfel-Sirup und zu guter Letzt Dattelkonfekt. „Himmlisch!“, seufzt eine Genießerin.


23.05.2012
Impressum | Kontakt
4002