Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Herzerschütterung

Msgr. Ullrich Auffenberg ist Pastor im Pastoralverbund Möhnesee und Seelsorger im Diözesan-Caritasverband.

Mit dem Herzen fühlt man. Mit dem Herzen glaubt man. Christsein ist Herzenssache.

von Ullrich Auffenberg

Jeder zweite Mitteleuropäer bekommt in seinem Leben eine Herz- oder Kreislaufkrankheit. Unser Herz, jene faustgroße Pumpe, die etwa 300 Gramm wiegt und täglich 8000 Liter Blut durch ein Venen- und Arteriensystem von ca. 100000 km transportiert, ist ein sensibler Indikator für unser Gesamtbefinden. „Geht es dem Herzen gut, dann grunzt die Sau.“ So eine alte Bauernregel. Für uns Menschen ist die Rede vom Herzen deshalb zum Symbol für die Welt der Gefühle und zum spirituellen Begriff für den Sitz der Seele geworden.

„Es zerreißt mir das Herz“, sagte jene Frau, deren Sohn nach einem Unfall unter ihren Händen starb. Was soll ich dieser Frau sagen? Etwa jenen Satz aus dem Anfang des Evangeliums dieses Sonntags: „Dein Herz lasse sich nicht verwirren!?“ Das Herz dieser Frau ist mehr als verwirrt. Es ist aus den Fugen geraten, gespalten, zerbrochen. Mit solch starken Begriffen kann man den griechischen Ausdruck „tarassèstho“ in Joh 14,1 auch übersetzen. Die Seele dieser Frau liegt in Trümmern. Sie ist ohne Perspektive. Kann ich sie trösten mit dem Satz: „Sie werden Ihren Sohn wiedersehen?“ Oder ist das Vertröstung? Bei jedem Trauerbesuch beschäftigt mich diese Frage.

Im Angesicht des Todes verspüren viele Menschen panische Angst. Gehören wir doch zu den Lebewesen auf dieser Erde, denen die Gewissheit des Todes bewusst ist. Der Naturwissenschaftler Ludwig von Bertalanffy beschreibt diese Tragödie  in der Evolution des Lebens so: „Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem kam der Schmerz, mit dem Bewusstsein kam die Angst.“ 

Nun erzählen die Auferstehungsgeschichten durchweg, Jesus habe dieser Angst ins Auge gesehen und den Tod dadurch überwunden. Zuvor hat er selbst die Erfahrung gemacht: „Meine Seele ist erschüttert bis in den Tod“ (Joh 12,27). Als er dem brutalsten Foltertod gegenüberstand, den das römische Imperium kannte, da warf er sich in den Staub des Ölbergs und schwitzte Blut in abgrundtiefer Angst.

Mit dieser Situation selbst konfrontiert, spricht er in den Abschiedsreden des Johannes, zu denen unser Evangelientext gehört: „Euer Herz soll nicht aus den Fugen geraten. Ich kenne eure Angst. Denn ich gehe durch den gleichen Tunnel wie ihr und eure Lieben. Aber ich gehe, um euch einen Platz frei zu halten am Orte meines Vaters.“ Theologen meinen, seitdem habe jeder Tod den Sinn eines Voraus-Gehens, den „Noch-Hier-Bleibenden“ einen Platz bei Gott zu reservieren. Darum darf ich also jener Frau sagen: „Ja, Sie werden Ihren Sohn wiedersehen.“

Als ich vor Jahren einen guten Freund beerdigen musste, da kam mir am Grab der Gedanke: „Da ist jetzt jemand bei Gott, der wartet auf Dich, und der sorgt, dass Du eines Tages auch gut dort ankommst.“ Dieser Gedanke fühlte sich sehr tröstlich an.

Das Herz ist das Organ, der Ort, an dem wir unsere Angst am ehesten spüren. Bringen wir es in Verbindung mit Gott in einem kurzen Gebet, in einem Raum der Stille, dann kann es Beruhigung, Zuversicht und Trost erfahren.

Es wird berichtet, dass die 21-jährige Sophie Scholl, mutige Widerstandskämpferin gegen Hitler, im Februar 1943 in der Nacht vor ihrer Hinrichtung in der Zelle dieses Gebet sprach: „Lieber Gott, ich kann nicht anders als stammeln zu Dir. Ich halte Dir mein Herz hin. Es ist voller Angst. Aber Du hast uns erschaffen hin zu Dir, und unruhig ist unser Herz bis es Ruhe findet in Dir.“


23.05.2012
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